Manchmal taucht ein Film in unseren Kinos auf, den man bedingungslos immer wieder weiterempfehlen möchte.
Beautiful People des bosnisch-britischen Regisseurs Jasmin Dizdar ist einer von ihnen. Ein Film über den Krieg in Bosnien, der zum größten Teil in London spielt. Nur ein einziges Mal verlagert sich das Geschehen an den Kriegsschauplatz ¿ und ausgerechnet diese zentrale Episode ist, bei aller grafischer Realität, die märchenhafteste, unwahrscheinlichste des ganzen Films.
Der Skinhead und Junkie Griffin wankt nach Besuch eines Fußballspiel in Amsterdam halb betäubt von Bier und Heroin auf dem Flugplatz umher. Fällt auf ein Hilfspaket, das bereitliegt, um nach Bosnien verschickt zu werden, und schläft darauf ein. Als er aufwacht, befindet er sich mitten im Kriegsgebiet. Panisch flüchtet er vor den rings um ihn einschlagenden Granaten und trifft auf einen UN-Konvoy, der ihn ins Feldhospital mitnimmt. Dort erlebt er in wenigen Stunden, wozu Romanhelden des 19. Jahrhunderts Monate brauchen. Er wird erwachsen, übernimmt Verantwortung und mutiert vom xenophoben Hooligan zum fürsorglichen großen Bruder eines verletzten bosnischen Buben.
Beautiful People widmet sich einem halben Dutzend Geschichten, die miteinander durch das Trauma des Bosnien-Konflikts verknüpft sind. Was in Paul Thomas Andersons Magnolia bombastisch-kitschig und in Robert Altmans Short Cuts abgebrüht-zynisch gehandhabt wird bei Dizdar zu einem bodenständigen Werkzeug des Fimhandwerks in Zeiten des Chaos. Die Episoden laufen nicht zu einer symboldurchtränkten Synthese zusammen, sie bleiben für sich, berühren einander nur wie unabsichtlich während ihres gewundenen Verlaufs. Nicht alle bedienen sich einer so großen dramatischen Spannung wie die Episode rund um Griffin und seine Kumpels. In der Eingangsszene begegnen einander ein Serbe und ein Kroate, ehemals Nachbarn, nun Feinde, in einem Londoner Bus und beginnen sofort einen handfesten Streit, der sich auf der Straße und schließlich im Krankenhaus fortsetzt. Der Kampf den die beiden Unversöhnlichen in slapstickhafter Manier ausfechten, durchzieht den Film als Begleitmelodie. Dieser völlig absurde Konflikt ist die ¿Normalität¿, aus der die Geschichten, die Dizdar zu erzählen hat, wie exotische Inseln der Menschlichkeit herausragen.
Die Balance zwischen Realismus und Märchenhaftigkeit, zwischen der physischen Komödie und dem Drama gelingt in Beautiful People vollkommen. Zwar erreicht die rhapsodische Erzählstruktur niemals die Perfektion und gelackte Eleganz von Magnolia und Short Cuts, und viele Ruppigkeiten zeugen von den begrenzenden Umständen, unter denen der Film entstand. Seinem Charme kann dies alles nichts anhaben, im Gegenteil. Auf magische Weise vermittelt Beautiful People so viel Sympathie und Wärme wie man es aus einem Film über Hass und Gewalt nur herausholen kann. Wenn nach einer rasanten Höllenfahrt durch Gewalt und Krieg am Ende drei englische Hardcore-Hooligans einem bosnischen Buben eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen während ein Serbe und ein Kroate ¿ schließlich doch noch so etwas wie versöhnt ¿ gemeinsam mit einem walisischen Separatisten und einer resoluten Krankenschwester Karten spielen, dann verstummt angesichts dieser Wunder jedes dogmatische Beharren auf Wahrscheinlichkeiten und knochentrockenen Realismus.
Beautiful People ist für Drama zu verspielt, für eine Komödie zu sperrig und für eine schwarze Komödie zu menschlich. Ein wunderbarer, mitreißender, berührender Film und ¿ siehe oben ¿ unbedingt empfehlenswert.
HS
GB 1999
Buch und Regie: Jasmin Dizdar
mit: Danny Nussbaum, Charlotte Coleman
Nicholas Farrel, Heather Tobias
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