| Kein Wunder-PaarFilm.at Feature Zwei junge Menschen sprechen ganz ungekünstelt über ihre Partnerschaft – mehr benötigt Ralf Westhoff nicht für seinen heiter-melancholischen und immer zutiefst glaubwürdigen Film, der durch meisterhafte Dialoge besticht.  Da sitzen 2 junge Menschen, beides Mittdreißiger, namens Claire und Leo unvermittelt vor uns, blicken direkt in unsere Augen und beginnen zu erzählen. Getrennt voneinander sprechen sie frontal in die Kamera und reden über ihre Beziehung: wie sie den Partner einschätzen, was sie besonders an ihm lieben, aber auch welche Macken er hat und was ihnen daran auf den Geist fällt.
Bald wird klar, dass der Bursche wesentlich gehemmter ist: er geht nicht gerne aus sich heraus, fühlt sich sexuell von ihr zu sehr gefordert und hat Angst, bei den Nachbarn anzuecken, wenn es mal im Bett lauter hergeht. Sie hingegen spielt gerne krank, zieht sich eine Infektion nur durchs Reden darüber zu, verliert leicht die Geduld und ihre Haupteigenschaft ist – laut Leo - Sturheit.
Nachdem Ralf Westhoffs Speed-Dating-Komödie „Shoppen“ 2007 für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, brachte das zugleich die finanzielle Absicherung für sein nächstes Filmprojekt mit sich. Er konnte also die folgende Beziehungsstudie ohne Kompromisse nach eigenen Vorstellungen verwirklichen und wählte dafür als Ausgangssituation einer direkten Konfrontation. So finden wir uns als Zuschauer regelrecht in die Rolle eines fiktiven Paartherapeuten versetzt und erhalten zugleich die Möglichkeit, Vergleiche anzustellen und die Glaubwürdigkeit des Erzählten zu bewerten: die Monologe werden nämlich immer wieder von langen Spielszenen unterbrochen, in denen das zuvor Gesagte Gestalt gewinnt.
Weil die Gefühle in einer Liebesbeziehung ohnehin kompliziert genug sind, legt Westhoff einen erfreulichen Mut zur Einfachheit an den Tag. Während in einem von ähnlicher Sprechlust überbordenden Film – etwa unter Eric Rohmers Regie - tatsächlich über Gott und die Welt geredet wird, bleibt Westhoff mit seinen Dialogen wesentlich bodenständiger. Wie im richtigen Leben sind es gerade die kleinen alltäglichen Dinge, denen besondere Bedeutung zukommt. Leo bringt es z.B. fertig, über die Feststellschraube einer Lampe zu sinnieren, während Claire lieber Karotten-Kostüme für einen Maskenball bastelt - und als Leo darauf nicht angemessen erfreut reagiert, kommt sie zum Schluss: „Wir Zwei sind ein verdammt trauriges Gemüse“.
Was Claire und Leo so alles von sich geben, klingt zwar absolut spontan und ungekünstelt, doch Westhoff hat als Drehbuchautor einen sehr exakten Text ausgearbeitet, den er auf Punkt und Komma genau umgesetzt haben wollte. Die ungeschnittenen Monologszenen stellten für die beiden Darsteller Julia Koschitz und Felix Hellmann somit große Herausforderungen dar.
Bei allen Gegensätzlichkeiten erkennen die beiden Figuren, dass sie eben doch nicht ohne einander auskommen – daher bilden Claire und Leo ganz und gar kein Wunder-Paar, sondern bleiben wunderbar verwundbar, oder in ihren eigenen Worten „ein kleines, angeschlagenes aber sehr glückliches Team“. So schrammt diese Zweisamkeit ständig am Scheitern entlang, und es stellt sich die Frage, ob nach dem letzten schönen Herbsttag endgültig ein Wetterumschwung auf dem Beziehungsbarometer stattfindet.
franco schedl (der auf seinem Filmbarometer 9 von 10 möglichen Punkten vergibt) |
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