Auch im Jahr 2001 finden Filme über edelherzige Ritter und unerschrockene Knappen ihr Publikum - nur: wirklich ernst nimmt das Genre der Ritterfilme niemand mehr.
Es ist wahrscheinlich nur Zufall, dass in dieser Woche zwei Ritterfilme in den österreichischen Kinos starten. Die Klamaukkomödie
Just Visiting und das romantische Rittermärchen
Ritter aus Leidenschaft haben nicht sehr viel gemeinsam, bis auf einen Punkt: Beide nehmen das Mittelalter nicht allzu tierisch ernst und beide arbeiten bewußt mit Anachronismen.
In Just Visiting geraten ein rauflustiger Ritter und sein schlecht erzogener Diener ins Chicago des Jahres 2000, wo sie Autos abschlachten und WC-Muscheln für Wunderquellen halten. Diese Zeitreise-Story ist weder besonders originell noch neu. Bereits Mark Twain verwendete sie 1865 in seinem satirischen Roman "Ein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof" - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Bei Mark Twain ist es der "moderne" US-Amerikaner, den es ins feudalistische England des 6.Jahrhundert verschlägt. Roman wie Film (sowie die drei Verfilmungen des Romans, und jene Filme, die sich mehr oder weniger von ihm inspirieren ließen) leben vor allem vom Aufeinanderprall zweier völlig unterschiedlicher Weltbilder. Just Visiting zehrt vom kindlichen Vergnügen an der Zerstörung, und der Schadenfreude an der Ratlosigkeit, wenn zivilisiert Menschen am Ende des 20.Jahrhunderts mit der naiven Direktheit der mittelalterlichen Haudegen konfrontiert werden. Das Bild vom 12. Jahrhundert, das Just Visiting vermittelt, ist das einer rohen, beinahe barbarischen Gesellschaft, in der Schwert und Dolch locker sitzen, und in der körperliche Bedürfnisse ungeniert ausgelebt werden.
Anders in Brian Helgelands Ritter aus Leidenschaft. Hier ist das Mittelalter eine Fantasiewelt, bevölkert von ausgesprochen schönen Menschen, in der, Fairness und romantische Liebe als höchste Tugenden gelten. Ähnlichkeiten mit Sportfilmen, in denen sich die Helden durch Hartnäckigkeit bewähren und denen am Ende Ehre, die Liebe des Publikums und als Draufgabe das Herz der Allerschönsten zufliegen, sind offensichtlich. Dass das alles nicht völlig ironiefrei abgehandelt wird, dafür sorgt Helgeland, indem er sich die Freiheit herausnimmt, mittelalterliches Volk in Fantasie-Kostüme mit leichtem 70er-Jahre-Hauch zu stecken, und zu Rockmusik tanzen zu lassen.
Stoffe, die in der Vergangenheit angesiedelt mit zeitgenössischen Elementen aufzumöbeln, ist im Theater ein alter Hut. Da fährt Willhelm Tell im Jeep vor, und der gute alte Faust entpuppt sich als koksender Yuppie. Diese Anachronismen kann man interpretieren als "Verfremdungseffekte" im Sinne Bert Brechts, oder als Pose postmoderner Ungezwungenheit Im Kino gab's das zwar auch – etwa in Derek Jarmans Edward II - aber im Big-Budget-Bereich blieben die Ansätze eher schüchtern. Rocksongs als Soundtrack, das ging ja gerade noch. Aber Queens Mitgröl-Hymne "We will rock you!" als mittelalterlichen Schlachtruf einzusetzen, das war höchstens in den respektlosen Komödien á la Abrahams / Zucker denkbar.
Ritter aus Leidenschaft ist zwar ironisch, aber keinesfalls als Parodie zu verstehen. Die Anachronismen zielen nicht auf billige Lacher ab, sondern werden atmosphärisch eingesetzt. Wie in Fantasy- oder märchenhaften Science-Fiction-Filmen wird eine einfache Geschichte in ein Fantasieuniversum versetzt, was Gelegenheit gibt, gefällige Versatzstücke aus Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu kombinieren, ohne auf historische Genauigkeit achten zu müssen.
Filme übers Mittelalter waren noch nie historisch korrekt. Das Bild, das etwa in Robin Hood oder in Der Name der Rose vom Mittelalter gezeichnet wurden, war geprägt von der Zeit, in der die Filme entstanden. Offensichtliche Anachronismen wurden zwar in Kauf genommen, aber nach Möglichkeit verschämt kaschiert. Wenn sie in Ritter aus Leidenschaft selbstbewusst als Stilmittel eingesetzt werden, dann hat das allerdings kaum mit der erzieherisch wirkenden Absicht des Verfremdungseffekts zu tun. Eher schon mit der Abgebrühtheit des Publikums, das die Illusionsmaschine Kino längst durchschaut hat, sich davon aber nicht abhalten lässt, sich gut zu amüsieren.
HS
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