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Review: A. I. - Künstliche Intelligenz

Review
Liebe in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit: Steven Spielbergs neuer Tränendrücker versandet in kalter Künstlichkeit.
Wer schon einmal mit einem Computer gearbeitet hat, kann ein Lied davon singen, wie unberechenbar, starrköpfig und eigensinnig diese Wesen aus Metall, Halbleitern und Kunststoff sein können. Manchmal fühlt man sich von seinem Rechner regelrecht verspottet, übers Ohr gehauen, ausgetrickst und an der Nase herumgeführt. Geliebt fühlt man sich nur selten. Nachdem man A. I. – Künstliche Intelligenz gesehen hat, ist man dankbar dafür.

In ferner Zukunft soll alles anders werden. Zumindest wenn es nach der Fantasie Steven Spielbergs geht. A. I. – Künstliche Intelligenz spielt in einer Zeit, in der die Polareiskappen geschmolzen, und große Teile der bewohnbaren Welt unter Wasser gesetzt sind. Die Menschen haben gelernt, ihre Ressourcen mit Hilfe der Technik aufs Beste zu Nutzen. Die Familienplanung ist streng reglementiert. Wer sich einsam fühlt, für den stehen Roboter bereit, sogenannte "Love-Mechas“ bereit, welche den Kundinnen und Kunden für alle Arten von körperlichen Vergnügungen zur Verfügung stehen; der Einsatz von Maschinen, welche echte Gefühle entwickeln können, steht unmittelbar bevor.

David (Haley Joel Osment) ist der Prototyp eines Roboters, der dazu programmiert wurde, kinderlosen Ehepaaren das Gefühl von familiärer Wärme zu geben. Zu Testzwecken wird er vom Cybertronics-Angestellten Henry Swinton und seiner Frau Monica adoptiert. Ihr leiblicher Sohn Martin wurde tiefgefroren, um wiederbelebt zu werden, sobald die Medizin ein erfolgversprechendes Heilverfahren entwickelt hat. Monica steht dem unheimlichen aber freundlichen David anfangs skeptisch gegenüber. Mit der Zeit gewöhnt sie sich an ihn und spricht schließlich auch die magischen Worte, die seine programmierten Emotionen wecken, und ihn für immer an sie binden.

Gefühle sind aber etwas Anderes als einfache Dienstleistungen. David imitiert nicht nur menschliches Verhalten, er entwickelt mehr und mehr ein eigenes Innenleben. Er beginnt, seine Umwelt zu hinterfragen, und über seine eigene Existenz nachzudenken. Für seine menschliche Umwelt ist David nach wie vor ein bloßer Roboter in Gestalt eines 10jährigen. Niemals wird er als vollwertiger Mensch anerkannt werden. Er ist darauf programmiert worden zu lieben, doch sein sehnlichster Wunsch, von Monica wie ein eigenes Kind geliebt zu werden, bleibt Illusion.

Als Martin geheilt zu seinen Eltern zurückkehrt, wird David zum bloßen Spielzeug. Verzweifelt kämpft er um die Liebe Monicas, doch seine Versuche, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, enden im Desaster. Er wird unberechenbar, sogar zu einer Gefahr für Martin. David beschließt, ihn der Firma Cybertronic zurückzugeben und verschrotten zu lassen; Monica setzt ihn schließlich gemeinsam mit seinem sprechenden Teddybären, einem weitern Produkt von Cybertronics, im Wald aus und gibt ihm noch den Rat mit, sich von Menschen fern zu halten.

Die technisierte Welt der Zukunft zeichnet Spielberg steril und kalt. Der Lebensstil der Swintons unterscheidet sich wenig von dem eines gut situierten amerikanischen Ehepaares des Jahres 2001: Eine geräumige Wohnung in hellen Farben, ein Swimming-pool und nur wenig sichtbarer technischer Firlefanz. Halbdurchsichtige Glasflächen und Spiegel brechen und lenken den Blick, schaffen Distanz. Die Welt draußen bleibt im ersten Drittel des Films so gut wie ausgeschlossen. Erst als David ausgestoßen wird, lernt er die andere Seite der Zivilisation kennen. Er begegnet anderen ausrangierten Robotern, wird mit ihnen gefangen genommen und zum „Fest des Fleisches“ gebracht – einer düsteren Veranstaltung, halb Sektengottesdienst, halb Heavy-Metal-Konzert, bei der Roboter unter johlendem Beifall des Publikums zerstört werden.

Gemeinsam mit Teddy und Gigolo Joe (Jude Law), einem gockelhaften Love-Mecha, flieht David. Gigolo Joe bringt ihn in die Stadt des Lasters, einem riesengroßen Rotlicht-Bezirk. Hier sucht David die Antwort auf seine brennenden Fragen: Wie kann eine Maschine wie er zu einem Wesen aus Fleisch und Blut werden? Wo wohnt die „Blaue Fee“ aus dem Märchenbuch, die Pinocchio in einen richtigen Jungen verwandelt hat? - Die Antwort kommt von Dr. Know, einem gerissenen Computer, der Fragen für einen Dollar das Stück beantwortet: David solle nach Manhattan reisen, der geheimnisvollen untergegangenen Stadt.. Dort werde er die „Blaue Fee“ finden, und dort werde ihm seine Zukunft offenbart...

15 Jahre lang trug sich Stanley Kubrick mit dem Gedanken, die Kurzgeschichte „Super-Toys Last All Summer Long“ des Science-Fiction-Autors Brian Aldiss zu verfilmen. Zwei Jahre nach Kubricks Tod wurde der Film nun unter der Regie von Steven Spielberg realisiert und trägt unverkennbar dessen Handschrift. Von der Vorlage blieb nicht viel mehr übrig als die Ausgangsidee: A. I. – Künstliche Intelligenz ist ein Science-Fiction-Märchen nach dem Muster von „Pinocchio“, in dem viel von Spielbergs Hang zur Sentimentalität steckt.

Spielberg ist ein Meister der emotionalen Filminszenierung, dennoch wirkt „A. I. – Künstliche Intelligenz“ eigenartig kühl. Das liegt nicht, wie so oft, an einem Übermaß an selbstverliebten Special Effects, und es liegt auch nicht an mangelnden schauspielerischen Leistungen. Haley Joel Osment gibt sein Bestes, aber die bedingungslose Liebe des Roboters wirkt einfach nur wie die Endlosschleife eines Computerprogramms. Jeder andere Schauspieler wäre genauso überfordert gewesen, der Figur des David Tiefe zu verleihen. Das bizarre Ende erinnert ein wenig an Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum, noch mehr aber an dessen glücklosen Nachfolger 2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen. Schade, dass wir die zynischere Version Kubricks nicht mehr erleben durften. HS

USA 2001
Regie: Steven Spielberg
mit: Haley Joel Osment, Jude Law
William Hurt, Frances O'Connor

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