Michael Hanekes Verfilung des Romans von Elfriede Jeline zeigt eine Frau gefangen zwischen Kunst und Erniedrigung.
Ein gewitzter Mensch hat Michael Haneke einst die ¿Elfriede Jelinek des Films¿ genannt. Das ist insofern naheliegend, als beide kompromisslos über die menschlichen Unzulänglichkeiten in Österreich auslassen. (Allerdings hat Michael Haneke meines Wissens nach noch nicht die Ehre gehabt hat, in einem Gedicht von Wolf Martin erwähnt zu werden.) Auf der anderen Seite hat Elfriede Jelinek den Haneke-Film
Funny Games als ¿grauenhaft¿ bezeichnet und sich von der kalten Gewaltdarstellung im Film distanziert. Sie war nicht die einzige. Hanekes Filme polarisieren sowohl Publikum als auch Kritiker durch ihre pessimistischen Gesellschaftsentwurf, der jeden Ansatz zu Trost weit von sich weist.
Nun hat also Michael Haneke einen Roman von Elfriede Jelinek verfilmt und dabei ein Werk geschaffen, das sich nahtlos in das Kino-Oeuvre des Autorenfilmers einreiht. Obwohl sich Die Klavierspielerin relativ eng an die Vorlage hält, ist mit der Übertragung in ein anderes Medium die Handschrift der Autorin durch die des Autors/Regisseurs beinahe ausgelöscht. Notwendigerweise, wie man hinzufügen muss, denn Jelineks Roman lebt vor allem von der Sprache; von Kalauern, Sprachspielen, der Entlarvung der Alltagsrede..
Hanekes Film lässt die Außenwelt seiner Protagonisten weitgehend unberücksichtigt. Die Stadt Wien, die in der Vorlage eine nicht unbedeutende Rolle spielt, wird im Film reduziert auf den Eingang zum Konzerthaus, ein paar Straßenzüge und das Autokino. Der Großteil der Handlung spielt sich in Innenräumen ab: in der Wohnung der Damen Kohut, in den Unterrichtssälen des Konservatoriums, in der Konzerthaus-Toilette und in Sex-Shop-Videokabinen. Austauschbare Orte, wie sie sich in jeder Stadt finden. Diese vage Verortung wird erhöht durch die Wahl der Schauspieler. Isabelle Huppert spielt die Klavierprofessorin Erika Kohut mit der gleichen kalten Teilnahmslosigkeit, mit der sie der Figur der Mika Müller in Süßes Gift die unheimliche Aura gab. Annie Giradot als tyrannische Mutter wirkt daneben beinahe schon wieder menschlich, und Benoît Magimel (Ludwig XIV aus Der König tanzt) als jugendlicher Liebhaber versprüht anfangs sogar so etwas wie französischen Charme.
Die Klavierspielerin ist die ¿Parodie eines Melodrams¿. Es geht um das Ausbrechen aufgestauter Gefühle und das Scheitern an der gesellschaftlichen Konvention. Im Falle der Erika Kohut handelt es sich allerdings um keine ¿romantischen¿ Gefühle, sondern um ihre unterdrückte und ins Sado-Masochistische pervertierte Sexualität. Als sie glaubt, in ihrem Schüler Walter Klemmer einen Liebhaber gefunden zu haben, macht sie den entscheidenden Fehler, sich ihm zu öffnen. Ermuntert von seinen hartnäckigen Verführungsversuchen, händigt sie ihm einen Brief aus, in dem sie detailliert ihre masochistischen sexuellen Wünsche schildert. Walter ist angeekelt ¿ sein Begehren wandelt sich in Hass. Eines Nachts dringt er in ihre Wohnung ein, schlägt, demütigt und vergewaltigt sie ¿ eine zynische Erfüllung von Erikas Fantasien.
Hanekes Film verstört und geht mit seiner kalten Beobachtung der Erniedrigungen, der Gewalt und des ¿Obszönen¿ bis an die Grenze des Erträglichen. In starkem Kontrast dazu steht der Einsatz von Musik, gefühlvollen Einspielungen von Schubert und Bach: Eine Art Schutzgebiet, unberührt von den Neurosen und Manien der Erika Kohut und gleichzeitig ein Instrument, mit dem sie ihre Schüler zu piesacken pflegt. Doch auch das Klischee von der Künstlerin, die in dieser Welt nicht zurechtkommt, weil sie sich der Kunst opfern, greift nicht. Erika hat den Aufstieg zur Konzertpianistin nie geschafft. Der dürre Applaus bei Hauskonzerten ist der einzige Lohn, für den sie im Vorhinein mit einem erbärmlichen Leben bezahlt hat.
Als sadomasochistische Fallstudie schrammt Die Klavierspielerin haarscharf am Spekulativen vorbei. Doch Haneke lässt zu viele Fragen offen, lässt seine Figuren in einem nebulösen Dickicht der Gefühle herumtappen. Leiden und Lust, Selbstaufopferung und Egomanie sind ihm nicht zwei Seiten derselben Münze, sondern ununterscheidbare Bestandteile einer Gefühlsmasse, in der Erika Kohut zappelt. Weder geht sie unter, noch kann sie entkommen. Am Ende greift sie zwar zum Messer, ist aber unfähig, einen wirksam trennenden Schnitt zu machen.
HS
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