Sie sind die großen Stilisten des zeitgenössischen amerikanischen Kinos. Ihre Filme sind eine Mischung aus bizarren Geschichten, schwarzem Humor und Nostalgie. Das jüngstes Werk der Brüder Ethan und Joel Coen läuft diese Woche in den österreichischen Kinos an:
The Man Who Wasn’t There ist ein lakonische erzählter
film noir, der die USA der 40er Jahre so wiederauferstehen lässt, wie man sie aus alten Zeitschriften und Reklamefotos kennt: Sauber, bieder und schwarzweiß. Doch es müsste kein Coen-Film sein, wenn hinter dieser Fassade nicht Abgründe lauern würden.
Die Karriere der Coens begann mit dem Thriller Blood Simple (1984), ein Low-Budget Independet-Film, der gerade einmal 1, 5 Millionen Dollar kostete. In ihm findet sich bereits all das, was den unverwechselbaren Stil ihrer folgenden Filme ausmachen sollte: Eine bizarre Welt, die von Kommunikationsunfähigkeit und Missverständnisse geprägt ist, Protagonisten, die zum Spielball der unberechenbaren Folgen ihrer Taten werden und visueller Stil, der die aus den Fugen geratene Welt in ausgefallenen Perspektiven einfängt. Mit Blood Simple legten Ethan und Joel ihre geschwisterliche Arbeitsteilung fest: Angeblich soll mit dem Werfen einer Münze entschieden worden sein, dass Ethan offiziell die Rolle des Produzenten übernahm, während der um drei Jahre ältere Joel in ihren gemeinsamen Filmen als Regisseur genannt wurde. Faktisch arbeiten die beiden Brüder jedoch so eng zusammen, dass der jeweiligen kreative Beiträge nicht zu entflechten sind. Neben ihre Arbeit als Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten pflegen die Coens die meisten ihrer Filme selbst zu schneiden – die Credits dafür gehen allerdings an einen gewissen Roderick Jaynes, ein fiktive Person, welche die Coens mit einem ebenso fiktiven wie abenteuerlichen Lebenslauf ausstatteten.
Ethan und Joel Coen lieben solch kleine Flunkereien und Falschmeldungen. In Interviews geben sie so gut wie nie etwas über ihr Privatleben preis, und auf Fragen nach der Interpretation ihrer Filme verschanzen sie sich hinter Ironie. Auch in ihren Filmen pflegen sie die Zuschauer immer wieder auf Glatteis zu führen. Sie spielen mit Symbolen, Geheimnissen und angedeuteten Nebenhandlungen, die nicht explizit erklärt werden. In Barton Fink ist es ein rätselhaftes Päckchen, das der geplagte Schriftsteller Fink ungeöffnet mit sich herumträgt, und in dem sich ein abgeschnittener Kopf befindet – oder auch nicht. In The Big Lebowski ist es ein alter Cowboy, der wie aus dem Nichts auf der Seite des „Dude“ auftaucht, und dessen Lebenswandel wohlwollend kommentiert – mit Ausnahme seines ständigen Fluchens. In O Brother, Where Art Thou? ist es ein blinder Seher und in The Man Who Wasn’t There die eingebildete oder tatsächliche Begegnung mit einem UFO, die als „Kritikerfallen“ wirken: Elemente, die sich nicht bruchlos in die Handlung einfügen lassen, und in deren Interpretation man sich heillos verheddern kann.
So unverwechselbar der Stil der Coen-Filme ist, desto schwerer ist es, sie in eine Genre-Schublade einzuordnen. Blood Simple ist ein waschechter film noir - wenn auch mit ironischen Untertönen. Ihr zweiter Film Raising Arizona gleicht hingegen einem schriller Comic-Strip. Der erste Film, der auch bei der breiten Masse der Kinogänger ankam war Fargo, eine blutige Entführungs-Geschichte im winterlichen Minnesota (der Heimat der Coens) und gleichzeitig eine rabenschwarze Komödie. Nach den leichtgewichtigeren Werken The Big Lebowski und O Brother Wher Art Thou? sind sie mit The Man Who Wasn’t There zum film noir zurückgekehrt – und zwar kompromissloser als je zuvor.
Doch die Geschichten, die sie erzählen scheint den Coens ohnehin zweitrangig zu sein. Worauf es ihnen ankommt ist, wie sie erzählt wird – nämlich mit einem ordentlichen Schuss schräger Fantasie, nicht weniger schrägem Humor, und vor allem mit großer Freude an stilistischer Extravaganz. Sie schrecken nicht davor zurück, Howard Hawks, Alfred Hitchcock und andere Großmeister zu zitieren, und ihre Vorliebe für Stoffe aus den 30er, 40er und 50er Jahren lässt vermuten, dass sie nicht ungern in der Ära des klassischen Hollywood gelebt und gearbeitet hätten. In ihren Filmen beschwören sie das durch Filme vermittelten Lebensgefühl dieser Epochen wieder herauf, um damit zu spielen und es zu ironisieren.
Der Erfolg der Coen-Filme auch abseits des Arthouse-Publikums lässt sich großteils auf ihre Ironie zurückführen, teilweise aber auch auf ihre Lust am Zitat. So bizarr die Handlungen auch sein mögen, stets gibt es etwas, an das sich das verunsicherte Publikum halten kann: Vertraute Handlungsmuster und Genre-Elemente aber auch die immer wieder in Coen-Filmen auftauchenden Stamm-Schauspieler: John Goodman, Frances McDormand und Steve Buscemi oder John Turturro und Michael Badalucco. Mit dieser Mischung aus Vertrautem, und Kantigem, das durch eigenwilligen Humor zusammengehalten wird, scheinen die Filmemacher den Nerv ihres Publikums getroffen zu haben: Die Coens sind Ikonen des amerikanischen Independent-Kinos, wie außer ihnen höchsten noch Quentin Tarantino oder David Lynch.
HS
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