Russell Crowe tritt als schizophrener Mathematiker in die Fußstapfen von Dustin Hoffman, Robert DeNiro und Co.
Kann ein Film über das Leben eines Mathematikers jemals ein Publikumsrenner werden? Auf jeden Fall reichte für 4 Golden Globes und 8 Oscar-Nominierungen. Ron Howards
A Beautiful Mind erzählt die Geschichte von John Forbes Nash Jr., der in jungen Jahren mit einem revolutionärem Beitrag zur Spieltheorie Aufsehen erregte, wenig später Symptome einer paranoiden Schizophrenie entwickelte und im Jahr 1994 nachträglich für sein Jugendwerk mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Hollywood liebt Biopics über Randexistenzen, vorausgesetzt, diese finden den Weg zurück in die Gesellschaft der Normalen und Angepassten. Noch mehr aber liebt es die Darsteller jener Freaks, Nerds und Psychopathen und belohnt deren schauspielerische Leistungen nicht ungern mit dem Oscar. Geoffrey Rush erhielt einen für seine Darstellung des schizophrenen Pianisten David Helfgott in Shine und Dustin Hoffman konnte die Oscar-Jury mit seinem Rain Man ebenso überzeugen wie Jack Nicholson mit seiner exaltierten Darstellung eines misanthropischen Neurotikers in Besser geht¿s nicht. Bei Robert De Niro (Awakenings ¿ Zeit der Erwachens) und Robin Williams (König der Fischer) reichte es zumindest für eine Nominierung.
Nun tritt Russell Crowe in die Fußstapfen von Hoffman, De Niro und Co. In einer darstellerischen Kraftjongleur-Routine mimt er den zwischen Genie und Wahnsinn pendelnden Nash mit allen bewährten Ausdrucksmitteln. Geistesabwesend stakt er im schlecht sitzenden Anzug durch den Campus, blickt in Gesprächen mit starrem Blick zu Boden und grinst mit schelmischer Unverschämtheit über seine abgehobenen Witze. Das sollte eigentlich reichen, um auch das verschlafendste Mitglied von seinen Qualitäten zu überzeugen.
Während Russel Crowe tief in die unerschöpfliche schauspielerischen Trickkiste greift, steht Regisseur Ron Howard vor bedeutenderen Problemen: Wie stellt man Vorgänge dar, die sich im überzüchteten Gehirn eines grenzgenialen Mathematikers abspielen, ohne das Publikum zu langweilen? Ron Howard wählte den einfachen Weg, ließ die Mathematik weg und konzentrierte sich auf die Einbildungen und Visionen, die Nash in seinen schizophrenen Schüben heimsuchen. Da treten aus harmlosen Zeitschriftartikeln geheime Botschaften hervor, es erscheinen Personen wie man sie als Figuren einschlägiger Genrefilme kennt. Und wirklich gelingt es Ron Howard, seine Zuschauer eine Zeit lang in die Irre zu führen, sie gutgläubig an Nashs Wahnvorstellungen teilhaben zu lassen. Bevor jedoch die Spionage-Story rund um eine ins Land geschmuggelte russische Atombombe allzu haarsträubende Dimensionen annimmt, legt Ron Howard die Karten mit einem Ruck auf den Tisch.
Mit Nashs Einweisung in eine psychiatrische Anstalt wechselt die Perspektive und A Beautiful Mind wandelt sich zum Melodram. Im Kampf gegen die Krankheit steht Nash seine liebevolle Frau Alicia (Jennifer Connelly) als rettender Engel zur Seite. Rückschläge und körperlicher Verfall belasten die Beziehung und gefährden das Leben des gemeinsamen Kindes. Der endgültige Sieg über die inneren Dämonen gelingt Nash spät, aber mit umso größerem Triumph. Seine Nobelpreisrede wird zum Hymnus an die Macht der Liebe.
A Beautiful Mind basiert auf der inoffiziellen John-Nash-Biografie der Wirtschaftsjournalistin Sylvia Nasar. Von der komplizierten Persönlichkeit Nashs ist im Film nicht viel übrig geblieben. Ron Howard lässt widersprüchliche Charakterzüge vorsorglich unter den Tisch fallen und auch über die revolutionären mathematischen Theorien erzählt der Film nur im Vorübergehen. Er greift Nashs unorthodoxen Methoden im Umgang mit mathematischen Problemen auf und zeigt, wie er pickende Tauben und Aufriss-Situationen in einer Bar als Anlass nimmt, seine Ideen einer ¿nichtkooperativen Spieltheorie¿ zu entwickeln, wie er die Scheiben der Universitätsbibliothek mit malerischen Formeln schmückt und im zunehmenden Verfolgungswahn sein Büro mit Zeitungsausschnitten ¿ angeblichen Nachrichten Außerirdischer oder ¿fremder Mächte¿ - austapeziert.
Während Sylvia Nasars Biografie sich auf aufwändig recherchierten Fakten stützt, nimmt sich Ron Howards Film jede notwendige Freiheit, um die Lebensgeschichte John Nashs in ein Drama nach bewährter Hollywood-Dramaturgie umzuwandeln. Als solches vermag es zu berühren, zu fesseln, zu unterhalten, nur eines vermag es nicht: uns Durchschnittsmenschen Einblick zu geben in die geniale, andersartige Geisteswelt des John Forbes Nash Jr.
HS
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