Russel Crowe versucht als schizophrener Mathematiker die Untiefen des Geistes auszuloten.
„What’s on a man’s mind?” fragte schon Sigmund Freud. Die Karikaturisten wussten die Antwort darauf und zeichneten eine sinnliche nackte Frau, die sich hinter der hohen Stirn des ehrenwerten Wissenschafters räkelt. Sex – das ist es, was der Durchschnittsmann im Kopf hat. Ungefähr alle 30 Sekunden einmal, wenn man den mehr oder weniger seriöse Forschungen auf diesem Gebiet Glauben schenken darf.
Was aber, wenn es sich um keinen Durchschnittsmann handelt, sondern um einen Schizophrenen, einem hochgezüchteten mathematischen Genie, oder einem Menschen, der beides zugleich ist? Regisseur Ron Howard versucht in seinem Genie-und-Wahnsinns-Drama A Beautiful Mind in die Gedankenwelt eines an der Kippe zum Wahnsinn stehenden Geistesmenschen einzudringen, wobei er uns allerdings weitgehend mit den erotischen Vorlieben seiner Filmfigur verschont. A Beautiful Mind erzählt die Lebensgeschichte des mathematischen „Wunderkindes“ John Forbes Nash Jr., der mit 21 Jahren eine Doktorarbeit auf dem Gebiet der Spieltheorie veröffentlichte, für die er 55 Jahre später den Nobelpreis erhalten sollte. Mit 31 Jahren entwickelte Nash Symptome einer poranoiden Schizophrenie, behauptete, mit Außerirdischen in Kontakt zu stehen und von seltsamen Gestalten verfolgt zu werden. Er unterzog sich schmerzhaften chemischen Therapien und wurde mehrmals in die psychiatrische Klinik eingewiesen. 30 Jahre lang irrte er vergessen und vernachlässigt als „Gespenst von Fine Hall“ durch den Campus der Princeton University bis er aus eigener Kraft wieder in die Gesellschaft zurückfand.
In Ron Howards Film spielt Russell Crowe den grenzgenialen Wissenschaftler mit zielstrebigen Blick auf den diesjährigen Oscar. Sein Aufstieg, Fall und endgültiger Triumph vollzieht sich in Harmonie mit den dramaturgischen Spielregeln Hollywoods. Die unattraktiven und hässlichen Fakten aus dem Leben des realen John Nash, seine schwierigen und gefühlskalten Beziehungen zu Frauen und Männern, die Tatsache, dass er Eleanor Stier, die Mutter seines ersten Kindes, im Stich ließ, oder die Scheidung von seiner Frau Alicia, fallen bei Ron Howard unter den Tisch. Statt dessen konzentriert er sich auf die Dämonen, welche John Nash während seiner schizophrenen Schübe heimsuchen, und lässt diese in Fleisch und Blut erscheinen. Er zeigt Nashs veränderte Realitätswahrnehmung als Abenteuergeschichte, die nach und nach immer bizarrere Formen annimmt, bis mit Nashs Einweisung in die Psychiatrie die Paranoia-Story zum Melodram umschlägt.
Während A Beautiful Mind ab dieser Woche flächendeckend in Österreich sein wird, läuft im Wiener Filmcasino ein kleiner Independent- Film aus Deutschland an, der das Thema „paranoide Schizophrenie“ auf eine Weise thematisiert, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Das weiße Rauschen ist der Debütfilm des jungen Regisseurs Hans Weingartner, der vor seiner Ausbildung zum Filmregisseur an der Kunsthochschule in Köln das Studium der Gehirnforschung absolvierte. Das weiße Rauschen beschreibt eindringlich und überzeugend das Martyrium des 21jährigen Lukas, der nach einem Drogentrip mit psychedelischen Pilzen schizophrene Wahnideen entwickelt. Er wird von Stimmen verfolgt, die ihn beschimpfen, quälen und bedrohen. Die Einweisung in die psychiatrische Klinik bringt zwar vorübergehende Besserung, aber die Psychopharmaka, mit denen er ruhig gestellt wird, lassen ihn apathisch und teilnahmslos werden. Um wieder zu seiner alten Lebenslust zurückzufinden, entsorgt er die Tabletten auf dem Klo – der Verfolgungswahn beginnt von Neuem.
Was A Beautiful Mind an Staraufgebot, Hochglanzinszenierung und Melodramatik voraus hat, macht Das weiße Rauschen an Intensität und Lebensnähe wieder wett. Auf Digitalvideo gedreht strahlt der Film den grobkörnigen Charme eines Dogma-Filmes aus. Die Story ist simpel und nachvollziehbar und Daniel Brühl als Lukas wirkt dermaßen authentisch, dass sich Russel Crowes Leistung dagegen fast wie Schmierenkomödiantentum ausnimmt. A Beautiful Mind hat alles, was ein großes Hollywoodkino auszeichnet: Große Gesten, dramatische Story und ein triumphales Happy End. Um eine Ahnung davon zu empfinden, was sich im Kopf eines Schizophrenen wirklich abspielte, sollte man sich eher an Hans Weingartners Weißes Rauschen halten.
HS
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