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Eine Welt hinter geschlossenen Augen

Film.at Feature
Christopher Nolan drehte mit "Inception" ein traum-haftes Caper-Movie über die Macht der Phantasie und die Last der Erinnerung, bei dem man das Staunen neu lernen kann.
Christopher Nolan hat keine Fledermäuse nötig – er verfügt offenbar intuitiv über eine Sonarortung als 6. Sinn, die ihm anzeigt, wie man aufregend intelligentes Action-Kino in Szene setzen muss.
Was auf den ersten Blick als klassisches Caper-Movie erscheint – ein großer Coup soll durchgezogen werden und der Kopf des Ganzen rekrutiert eine Gruppe spezieller Profis - entwickelt sich rasch zum absolut ungewöhnlichen Gedanken-Spiel, bei dem ganz andere als die althergebrachten Genre-Regeln gelten.

Gedanken-Dieb Dom Cobb (Leonardo DiCaprio), ein Meister auf dem Gebiet der sogenannten Extraktion, geht auf Beutezug, indem er sich ins Unbewusste seiner Opfer einschleicht und ihnen eine eigene Traumwelt suggeriert - so gelangt er an Geheiminfos, die man hauptsächlich der Rubrik ‚Industriespionage’ zuordnen könnte.
Durch seine cleveren Räubereien wurde er allerdings zum meistgesuchten Verbrecher und ist ständig auf der Flucht. Ein kühnes Unternehmen könnte ihm Straffreiheit zusichern und hier kommt der geheimnisvolle Filmtitel ins Spiel: unter ‚Inception’ versteht man nämlich die Umkehr von Cobbs üblicher Methode – statt Gedanken zu stehlen, soll er welche einschmuggeln.

Und so wird ein komplizierter Plan in Szene gesetzt, bei dem wir uns rasch innerhalb eines Traumes im Traum eines Traumes befinden und gut Acht geben müssen, um nicht sehr verwirrt wieder aufzuwachen.
Die Traumlogik stellt unser Weltbild auf den Kopf und ermöglich Dinge fernab der üblichen Naturgesetze – entsprechend spektakulär gestalten sich dann auch die Sequenzen. Dabei bewegte sich Nolan am Rande dessen, was physisch machbar ist, ohne übermäßig viele Computereffekte zu verwenden: als wichtigstes Hilfsmittel kamen um 360° rotierende Sets zum Einsatz. Aber gänzlich ohne Tricks ging es dann doch nicht ab, denn eine Pariser Straße lässt sich beispielsweise nicht so ohne weiteres zusammenfalten.

Nolan verbindet in „Inception“ sein Neigung zu ausgeklügelten Plots à la „Memento“ mit den Elementen geradliniger Action, an denen er sich in seinen beiden bisherigen „Batman“-Filmen erproben konnte – und er hat eindeutig von „Matrix“ gelernt: abgesehen von publikumswirksamen Kampfszenen, bei denen wortwörtlich alles drunter und drüber geht, und dem Ineinanderschachteln verschiedener Bewusstseinszustände, vermeidet Nolan aber zum Glück die Hauptfehler dieser Trilogie: Langatmigkeit und einen immer stärker gewaltsam konstruierten Plot.
Noch eine weitere Parallele drängt sich auf - diesmal wohl eher unfreiwillig. Bei aller Brillanz offenbart sich DiCaprio in der Titelrolle hier als Wiederholungstäter: Seine Figur ähnelt in mancherlei Hinsicht jenem Charakter, den er zuletzt in Scorseses’ „Shutter Island“ verkörpert hat; auch für Cobb verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit und ein belastendes Verhältnis zu seiner Ehefrau (gespielt von Marion Cotillard) bringt ihn immer wieder in Gefahr.

Die vordergründige Thriller-Handlung lässt sich je nach Geschmack des Betrachters übrigens völlig ausblenden, denn „Inception“ kann auch ausschließlich als visuelles Gedicht von atemberaubender Schönheit über die Macht der Erinnerungen und das kostbare Gut unserer Phantasie genossen werden – dadurch rückt es in die Nähe einer unbekannteren, aber schwer empfehlenswerten, Independent-Produktion von 2008: Charlie Kaufman’s „Synecdoche, New York“.
Und nicht zuletzt ist das Werk ein gewaltiger feuchter Traum für Architekten: immerhin gelingt es den Vertretern dieser Zunft in Gedanken-Schnelle Gebäude, Brücken oder gleich ganze Städte entstehen zu lassen (außerdem kommt sehr viel Wasser vor – um das „feucht“ solide zu rechtfertigen).

Auf jeden Fall erleben wir hier einen Film, in dem man sich verlieren kann. Zwischen den Wirklichkeitsebenen dahindriftend, benötigt man nach Ende des Abspanns je nach Konstitution einige Minuten mehr oder weniger, bis man sich wieder in der Alltagswelt zurecht findet (auch wenn es nur eine Konvention sein sollte, dass wir sie als solche betrachten).

franco schedl

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Tipp 

Zettl

Zettl

Helmut Dietl erinnert uns wieder an Kir Royal-Zeiten: Diesmal lässt er Michael Herbig um jeden Preis in Berlin Karriere machen.

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