| Da rockt das ZelluloidArticle In „Männertrip“ steht derzeit das wilde Leben eines fiktiven britischen Rockstars im Mittelpunkt: zwischen Drogenschmuggel, Groupie-Eskapaden und jeder Menge anderer abgedrehter Einfälle wird kaum ein Klischee ausgelassen, das man mit dieser Lebensart verbindet. Das eigentlich Wichtige kommt dabei allerdings etwas zu kurz - die Musik.  Im Lauf der letzten 4 Jahrzehnte hat es eine ganze Reihe herausragender Konzertfilme und zugleich einzigartige zeitgeschichtliche Dokumente über das Leben von Rockstars gegeben, bei deren Entstehung meist der Name eines wichtigen US-Regisseurs eine Rolle spielte: Martin Scorsese.
Vorwiegend dokumentarischen Charakter hat Michael Wadleigh „Woodstock“-Film von 1969: der amerikanischer Kameramann setzte über 20 Kameraleute ein, um das Festival aus allen erdenklichen Blickwinkeln einzufangen und ließ mehr als 200 Kilometer Filmmaterial belichten. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: der 184 minütige Film, an dessen Schnitt auch Scorsese beteiligt war, kassierte 1971 einen Oscar als beste Doku und hat bis heute allein in Amerika im Kinovertrieb rund 50 Millionen US-Dollar eingespielt. Außerdem hat Wadleigh in späteren Jahren noch mehrfach auf das Material zurückgegriffen und ein paar zusätzliche Filme ausgekoppelt wie z.B. „Woodstock – The Lost Performances” (1990) oder die Dokumentation “Jimi Hendrix: Live at Woodstock” (1999).
Als 1976 Bob Dylans altgediente Begleitmusiker mit dem schlichten Namen „The Band“ im Winterland von San Francisco unter den Motto „The last Waltz“ zum letzten Mal gemeinsam aufspielten, war Scorsese wieder mit von der Partie und filmte das illustre Geschehen, bei dem sich Größen wie Van Morrison, Joni Mitchell, Eric Clapton, Neil Young, Muddy Waters, Ron Wood und natürlich Dylan selbst die Ehre gaben. Heraus kam dabei einer der wichtigsten und schönsten Konzertfilme überhaupt.
Genau 30 Jahre später traten die Rolling Stones im Rahmen ihrer damaligen Welt-Tournee
für zwei Konzerte im New Yorker Beacon Theatre auf: im Vorfeld hatte die angeblich dienstälteste Rockband der Welt Scorsese als Wunschkandidaten genannt, um dieses Ereignis auf Film festzuhalten. Das Ergebnis war unter dem Titel „Shine a Light“ 2008 in unseren Kinos zu sehen, konnte aber nicht mehr ganz so überzeugen, wie der berühmte Vorgänger von 1976 – dafür wirkte die Szenerie einfach zu gestellt und auf Hochglanz getrimmt (man hatte z.B. die ersten Reihen ausschließlich mit den Reichen und Schönen vollgepackt).
Scorseses Leidenschaft für Rockmusik kommt einerseits in den meisten Soundtracks seiner Spielfilme zum Ausdruck, fand zugleich aber auch in einigen großen filmischen Materialsammlungen ihren Niederschlag. So gibt es von ihm beispielsweise eine mehrteilige Doku-Reihe über den Blues an der sich auch Größen wie Wim Wenders oder Clint Eastwood beteiligten.
In mehrfacher Hinsicht ebenso bahnbrechend war seine groß angelegte Rückschau auf die Jahre zwischen 1961 und 1966, in denen Bob Dylan unaufhaltsam zum Weltstar aufgestiegen ist und einen kaum überbietbaren Gipfel an Kreativität erreichte. In dem 3-Stunden-Projekt „No Direction Home“ ergreifen nicht nur zahlreiche Weggefährten Dylans das Wort, sondern Scorsese gelang das Kunststück, den als scheu und maulfaul bekannten Star persönlich vor die Kamera zu holen, wo er in langen Interviewpassagen über seine Vergangenheit Auskunft gab.
Scorsese bleibt seiner Befähigung, Musikgeschichte mit pulsierendem Leben zu erfüllen, auch weiterhin treu, denn für 2011 hat er bereits ein weiteres dokumentarisches Musikfilm-Projekt angekündigt: unter dem Titel “Living in the Material World“ wird er das Leben von George Harrison Revue passieren lassen.
(fs)
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