Goldener Bär für italienische Flüchtlings-Doku

Director Gianfranco Rosi  arrives on the red carpeREUTERS/HANNIBAL HANSCHKE
Director Gianfranco Rosi arrives on the red carpe

Solidarität mit Flüchtlingen: Der Lampedusa-Film "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi hat bei der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Erstmals seit vielen Jahren ging die wichtigste Trophäe damit am Samstag an einen Dokumentarfilm. Oscar-Preisträgerin Meryl Streep nannte ihn als Juryvorsitzende "das Herz der Berlinale".

In "Fuocoammare" (deutsch: Feuer auf See) erzählt Rosi in teils schonungslosen Bildern vom Flüchtlingselend im Mittelmeer. "In diesem Augenblick gehen meine Gedanken an all jene Menschen, die es nicht geschafft haben, auf Lampedusa anzukommen - der Insel der Hoffnung", sagte der Regisseur bei der Gala im Berlinale-Palast.

Zuletzt hatte Italien 2012 einen Goldenen Bären erhalten. Zur 66. Ausgabe der Berliner Festspiele waren in diesem Jahr bewusst viele Filme eingeladen, die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen. Bei dem Festival wurde für Flüchtlinge gesammelt.

Beste Darsteller

Als beste Darstellerin konnte sich die bekannte dänische Schauspielerin Trine Dyrholm (43) über einen Silbernen Bären freuen. Sie spielt in Thomas Vinterbergs Film "Die Kommune" (original: "Kollektivet") eine Frau, die der Langeweile ihrer Ehe durch Gründung einer Kommune entkommen will.

Bester Darsteller wurde der Tunesier Majd Mastoura in der Emanzipationsgeschichte "Hedi" (original: "Inhebbek Hedi"). Er widmete seinen Bären den "Märtyrern der Revolution", wie er sagte. "Wir hätten keine Meinungsfreiheit ohne all das Blut, das sie vergossen haben."

Preis der Jury

Den Großen Preis der Jury erhielt der bosnische Regisseur Danis Tanovic für "Tod in Sarajevo" (original: "Smrt u Sarajevu"). Für die beste Regie wurde die erst 35-jährige Französin Mia Hansen-Løve mit ihrem Film "Die Zukunft" (original: "L'avenir") ausgezeichnet, in dem Isabelle Huppert eine kühle Philosophiedozentin spielt.

Der Kameramann Mark Lee Ping-Bing bekam die Auszeichnung für die beste künstlerische Arbeit in dem poetischen Flussmovie "Gegenströmung" (original: "Chang Jiang Tu"). Den Preis für das beste Drehbuch gewann der Pole Tomasz Wasilewski, der in seinem Film "Vereinigte Staaten der Liebe" (original: "Zjednoczone Stany Milosci") auch Regie führte.

Für den Acht-Stunden-Film "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" (übersetzt etwa: Ein Wiegenlied für das schmerzhafte Geheimnis) des Philippinen Lav Diaz gab es den Alfred-Bauer-Preis für innovative Filmkunst. "Ich widme den Preis allen Filmemachern, die daran glauben, dass das Kino die Welt verändern kann", sagte Diaz.

Kein Goldener Bär für Österreich

Die einzige österreichische Hoffnung auf einen Bären zerschlug sich schon zu Beginn der Preisverleihung. Bei den Kurzfilmen setzte sich die portugiesische "Balada de um Batráquio" (Ballade der Bartachia) von Leonor Teles unter anderem gegen "Vintage Print" von Siegfried Fruhauf durch. Dafür sicherte sich der österreichische Regisseur Händl Klaus in einer Nebenreihe für lesbisch-schwule Filme den "Teddy Award" für seinen Streifen "Kater".

Insgesamt waren bei dem elftägigen Festival mehr als 400 Filme und reichlich Stars zu sehen, allen voran US-Beau George Clooney. Schon vor Tagen waren über 300.000 Karten verkauft. Streep sagte: "Wir sind beschwingt und energiegeladen angesichts all der tollen Filme, die wir gesehen haben."

Am Sonntag geht die Berlinale mit einem Publikumstag zu Ende. Im Vorjahr hatte der iranische Film "Taxi" von Jafar Panahi den Goldenen Bären gewonnen.

Er ist der große Gewinner der 66. Berlinale: Der Italiener Gianfranco Rosi (51) ist Regisseur, Produzent, Kameramann und Drehbuchautor. Mit dem Goldenen Bären für die Dokumentation "Fuocoammare" hat er nach dem Goldenen Löwen von Venedig 2013 ("Sacro Gra - Das andere Rom") innerhalb weniger Jahre wieder einen der wichtigsten Filmpreise der Welt erhalten.

Der Lohn ist verdient. Rosi bezeichnet "Fuocoammare" (übersetzt: Feuer auf See) als seine bisher schwerste Arbeit. In Berlin erzählte er: "Ich musste entscheiden, ob ich den Tod zeige. Der Tod kam ja zu mir. Ich wollte bei der Rettung einiger Flüchtlinge dabei sein. Aber nicht alle haben die Flucht übers Meer überlebt."

Rosi zeigt in seiner Doku den Alltag auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa, nur 70 Kilometer von der nordafrikanischen Küste entfernt. Hier stranden seit mehr als zwei Jahrzehnten nahezu ununterbrochen Flüchtlinge. Der schonungslose Film zeigt sowohl den fast idyllischen Alltag der Inselbewohner wie auch das Elend der Hilfe Suchenden. Und er blickt selbst dann nicht weg, wenn Menschen die Strapazen nicht verkraften und sterben.

Aus Kurzfilm-Plänen wurde abendfüllende Doku

Ursprünglich kam Rosi nach Lampedusa, um einen Kurzfilm zu drehen. Doch als er das ganze Ausmaß des Elends sah, entschied er sich für eine abendfüllende Dokumentation. Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise, die weit über Lampedusa hinausgeht, möchte er mit seinem Film möglichst viele Menschen erreichen und aufrütteln.

Auf der Berlinale sagte er dazu: "Wir tragen alle die Verantwortung dafür. Ich denke, was derzeit passiert, ist nach dem Holocaust eine der größten Tragödien der Menschheit." Den Film sieht er nicht als Anklage, stellte Rosi im dpa-Interview klar. "Mein Film hat ein politisches Thema, aber er gibt keine Antworten."

Geboren wurde Rosi 1964 in Eitrea. Während des dortigen Unabhängigkeitskrieges wurde er als 13-Jähriger mit einem Militärflugzeug nach Italien in Sicherheit gebracht. Seine Eltern blieben zurück. Schule und Studium absolvierte er in verschiedenen Ländern, darunter auch in den USA. International bekannt wurde er 2010 mit "El Sicario, Room 164", einer Dokumentation über einen professionellen Auftragskiller.

Preise der offiziellen und unabhängigen Jurys

Die internationale Jury der 66. Berlinale unter Vorsitz von Oscar-Preisträgerin Meryl Streep hat am Samstag folgende Preisträger bekannt gegeben:

GOLDENER BÄR

"Fuocoammare" (übersetzt: Feuer auf See) von Gianfranco Rosi (Italien)

SILBERNER BÄR, GROSSER PREIS DER JURY

"Smrt u Sarajevu/Mort a Sarajevo" (übersetzt: Tod in Sarajevo) von Danis Tanovic (Bosnien und Herzegowina)

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE

Mia Hansen-Love (Frankreich) für "L'avenir" (übersetzt: Die Zukunft)

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE DARSTELLERIN

Trine Dyrholm in "Die Kommune" (Originaltitel "Kollektivet") von Thomas Vinterberg (Dänemark)

SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN DARSTELLER

Majd Mastoura in "Inhebbek Hedi" (engl. Titel "Hedi") von Mohamed Ben Attia (Tunesien)

SILBERNER BÄR FÜR HERAUSRAGENDE KÜNSTLERISCHE LEISTUNG

Kameramann Mark Lee Ping-Bing in "Chang Jiang Tu" (engl. Titel "Crosscurrent") von Yang Chao (China)

SILBERNER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH

Tomasz Wasilewski (Polen) für "Zjednoczone Stany Milosci" (übersetzt: Vereinigte Staaten der Liebe)

ALFRED-BAUER-PREIS

"A Lullaby to the Sorrowful Mystery" (übersetzt etwa: Ein Wiegenlied für das schmerzhafte Geheimnis) von Lav Diaz (Philippinen)

GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN KURZFILM

"Balada de um Batraquio" (Ballade der Bartachia) von Leonor Teles (Portugal)

SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN KURZFILM

"A Man returned" (Ein Mann kehrt zurück) von Mahdi Fleifel (Großbritannien)

BESTER ERSTLINGSFILM

"Inhebbek Hedi" (engl. Titel "Hedi") von Mohamed Ben Attia (Tunesien)

Preise der Nebenjurys

PREISE DER ÖKUMENISCHEN JURY

"Fuocoammare" von Gianfranco Rosi

"Les premiers, les derniers" von Bouli Lanners

"Les Sauteurs" von Abou Bakar Sidibe, Estephan Wagner, Moritz Siebert

"Barakah yoqabil Barakah" (Barakah Meets Barakah) von Mahmoud Sabbagh

AMNESTY INTERNATIONAL FILMPREIS

"Fuocoammare" von Gianfranco Rosi

"Royahaye Dame Sobh" (Starless Dreams) von Mehrdad Oskouei

PREIS DER GILDE DEUTSCHER FILMKUNSTTHEATER

"24 Wochen" von Anne Zohra Berrached

PREISE DER CICAE (Internationaler Verband der Filmkunsttheater)

"Grüße aus Fukushima" von Doris Dörrie

"Ilegitim" (Illegitimate) von Adrian Sitaru

LABEL EUROPA CINEMAS

"Les premiers, les derniers" von Bouli Lanners

FIPRESCI-PREIS DES INTERNATIONALEN VERBANDES DER FILMKRITIK

"Smrt u Sarajevu/Mort à Sarajevo" (Death in Sarajevo) von Danis Tanovic

"Aloys" von Tobias Nölle

"The Revolution Won't Be Televised" von Rama Thiaw

TEDDY AWARD

"Kater" von Händl Klaus (als bester Spielfilm/feature film)

MADE IN GERMANY - FÖRDERPREIS PERSPEKTIVE

Janna Ji Wonders für "Walchensee Forever"

CALIGARI-FILMPREIS

"Akher ayam el madina" (In the Last Days of the City) von Tamer El Said

FRIEDENSFILMPREIS

"Makhdoumin" (A Maid for Each) von Maher Abi Samra

HEINER-CAROW-PREIS

"Grüße aus Fukushima" von Doris Dörrie

BERLINALE-JUGENDPROGRAMM

Generation 14+ Gläserner Bär für den besten Film: "Es esmu seit" (Mellow Mud) von Renars Vimba (Lettland)

K+ Gläserner Bär für den besten Film: "Ottaal" (The Trap) von Jayaraj Rajasekharan (Indien)

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