"Der Boulevard hilft mit, die Situation anzuheizen"

Jedes Jahr Nie Wieder/Jedes Jahr Nie Wieder
Jedes Jahr Nie Wieder

Am Freitag (29. Jänner) ist es wieder so weit: Namhafte FPÖ-Politiker, schlagende Burschenschaften und Vertreter der extremen Rechten Europas treffen einander in der Hofburg zur Ballnacht, während sich in den Straßen Wiens verschiedene Gruppierung gegen diesen "Akademikerball" aussprechen werden. Man könnte sagen: Es ist jedes Jahr das Gleiche.

"Jedes Jahr nie wieder" heißt dann auch eine Doku von Paul Buchinger und David Pichler, zwei junge Wiener, die darin die mediale Hysterie rund um den Ball, die einseitig geführte Gewalt-Debatte und das fragwürdige Agieren des Rechtsstaats im Fall Josef S. aufarbeiten.

KURIER: Welche Fragen standen am Anfang des Projekts?
Paul Buchinger: Ich wollte mehr über die Tradition deutsch-nationaler Verbindungen und deren Verstrickung ins Parlament erfahren. Rund 40 Prozent der aktuellen FPÖ-Nationalratsabgeordneten sind aktuell Mitglied in einer derartigen Verbindung. Außerdem wollten wir wissen, wer die Demonstrationen gegen den Akademikerball organisiert und wie die verschiedenen Bündnisse untereinander kooperieren.

Konnten alle Fragen beantwortet werden?
Über die Tradition deutsch-nationaler Verbindungen und deren Verstrickung mit der FPÖ wird im Film viel Wissenswertes erzählt. Wir liefern trotz der Unterschiede zwischen den einzelnen Verbindungen einen brauchbaren Überblick, welches Gedankengut ein großer Teil dieser Verbindungen vertritt. Irritiert hat mich, dass die von uns interviewte Burschenschaft so verhalten war. Auch formale Fragen wie "Was sind die Charakteristika eurer Verbindung?" wurden nur knapp beantwortet.

Mit welchen weiteren Problemen waren Sie konfrontiert?
Ich war von der Verschwiegenheit und Starrheit öffentlicher Institutionen überrascht. Es war interessant zu sehen, wie misstrauisch man hierzulande Menschen gegenüber ist, die keinen Presseausweis besitzen.

Wer hat geschwiegen?
Sowohl einen Repräsentanten der Exekutive, als auch FPÖ-Vertreter, wie etwa den Ballorganisator, aber auch Hofburg-Betreibergesellschaft und die Wirtschaftskammer als "Schutzpatronin" der Geschäftstreibenden hätten wir als zentrale Elemente unserer Doku eingeplant. Leider wollte uns niemand Auskunft erteilen.

Auch die Polizei war für eine Stellungnahme nicht verfügbar. Mit welcher Begründung?
Es gab keine Begründung. Ich war mit zwei, drei Beamten in Kontakt, wurde hin und her verwiesen und jede Woche aufs Neue vertröstet. Sie hatten den längeren Atem. Niemand ist gezwungen, sich mitzuteilen, aber warum man uns so lange pflanzte, anstatt zu sagen: "Wir geben euch kein Interview", ist mir ein Rätsel.

Welchen Vorwurf muss sich die Polizei gefallen lassen?
Erstens glaube ich nicht, dass die Polizei großartig auf die Gegenproteste sensibilisiert wird. Dazu kommen die jährlichen Platzverbote, Sperrzonen und die teils eingeschränkte Pressefreiheit. Die Polizei steht politisch und medial unter Druck, weshalb sie jährlich ihre Einsatzstrategie ändert. Für heuer werden 2800 Beamte abgestellt. Auf jeden zweiten bzw. dritten Demonstranten kommt ein Beamter. Das steht doch alles in keiner Relation mehr.

Ein Teil der Doku ist dem Fall Josef S. gewidmet. Wie haben Sie die Verhandlungen wahrgenommen?
Jeder, der den Fall verfolgt hat, weiß, dass die Beweislage äußerst dünn war. Es wurden Hunderte Beamte und Presseleute vor Gericht zitiert, niemand hatte Josef S. bei den Demos wahrgenommen, außer einem Zivilpolizisten, an dessen Aussage trotz aller Widersprüchlichkeit festgehalten wurde. Einerseits glaube ich, dass der öffentliche und politische Druck so groß wurde, dass man der Gesellschaft ein Bauernopfer präsentieren musste. Andererseits bestätigt das Urteil, wie man eine zivilgesellschaftliche Kritik am Ball und an den österreichischen Verhältnissen mundtot machen kann, indem man die Demonstranten pauschal als Gewalttäter abtut.