Alian

 China 2005
Drama 69 min.
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Die dicht gedrängten Großstädte im Delta des Perlenflusses im Süden Chinas waren die ersten, denen von Staats wegen ein Wirtschaftsboom gestattet wurde. Millionen von Menschen strebten aus ihren armseligen Dörfern ins Delta, wo plötzlich das Geld auf der Straße zu liegen schien. Mittlerweile hat sich die Euphorie ziemlich gelegt; (auch) davon handelt dieser Film. Alian ist wie viele andere nach Zhongshan gekommen, um das große Glück zu finden. Die Realität sieht anders aus: Die junge Frau arbeitet und lebt in einer nicht näher bezeichneten Fabrik. Gegen den eintönigen Arbeitsalltag helfen Hongkong-DVDs, die immer gleichen Spaziergänge durch eine unterdurchschnittlich interessante Stadt und Abende in der Diskothek. Axin ist so etwas wie ihr Freund, doch die Beziehung kippt, als ein Kumpel des Fabrikchefs ein Auge auf Alian wirft. Ein heiß ersehnter Bürojob und ein schickes Handy sind der Lohn für ihre außerdienstlichen Aktivitäten. Ihr Kollege Ahua steckt sich bei seiner Exfreundin, die mittlerweile als Prostituierte arbeitet, mit einer Geschlechtskrankheit an und gerät an einen Kurpfuscher, der ihm sein sauer verdientes Geld abknöpft. Als Alian für ein paar Tage nach Hause in ihr Dorf fährt, erlebt auch sie eine böse Überraschung mit weit reichenden Folgen. Der 34-jährige Regisseur Wei Xueqi inszenierte, drehte und schnitt einen ganz und gar undogmatischen Dogma-Film mit Laiendarstellern, ohne zusätzliches Licht und mit einer handelsüblichen DV-Kamera. Rau wie Bild und Ton ist auch seine Moritat von der verzweifelten Sehnsucht der Menschen, die nicht bekommen, was sie wollen, weil sie arm sind und die Welt nicht gerecht und von der Gier derer, die diese Sehnsüchte ausbeuten. Natürlich ist es kein Zufall, dass diese Themen im kritischen chinesischen Spielfilm seit Jahren dominieren. Wenn man die alten Werte, wie fragwürdig sie auch sein mögen, durch keine Werte ersetzt, entsteht eine soziale und moralische Leerstelle, die mit dem bisschen Lohn aus harter Arbeit nur unzureichend aufgefüllt wird. Wei Xueqi gelingt eine heftige 69-minütige Anklage, bei der die Spielhandlung längst eingesetzt hat, ehe man realisiert, dass dies kein Dokumentarfilm ist. (Andreas Ungerböck)

(Text: Viennale 2005)

Details

Meng Qiaohui (Alian), Luo Honglou (Axin), Chen Yujiao (Ajuan), Tan Zhenghua (Ahua), Liang Jiwei (Polizist), Zhang Qiang (Doktor)
Wei Xueqi
Wei Xueqi
Wei Xueqi

Kritiken

Kinoprogramm

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User Kritiken


  • TIPP
    Dies dürfte ein weiteres Kleinod aus der Serie der im allerbesten Sinne
    einfachen und unprätentiösen Filme sein, die uns in den letzten Jahren
    vermehrt aus dem Reich der Mitte erreichen. Ob die Sparsamkeit dabei
    eher äußerer Zwang oder inneres Bedürfnis ist, ist in Wahrheit
    nebensächlich.
    Sicherlich gibt es einiges an normativen äußeren Einflüssen, denen die
    Filmemacher ausgesetzt sind. Ich denke nur an ein V'Publikumsgespräch
    vor ein paar Jahren (leider habe ich vergessen bei welchem Film, man
    wird leider nicht jünger...), bei dem die chinesische Regisseurin
    eindringlich schilderte, unter welchen Bedingungen der Film entstanden
    war: Ohne Drehgenehmigung (und das heißt in China mit einem Fuß im
    Kriminal...), ohne Team, nur mit einer einfachen DV-Kamera,
    ausschließlich mit ambient noise und natürlichem Licht gedreht und das
    Material schließlich auf abenteuerlichem Wege außer Landes geschmuggelt,
    um es an der staatlichen Zensur vorbeizuschleusen...
    Das letzte großartige Beispiel für solch ein kleines Meisterwerk war
    "Xianghuo" bei der V'04, einer meiner persönlichen Festivalfavoriten im
    letzten Jahr: Ein armer Mönch verwickelt sich auf der Suche nach Spenden
    für seine zerfallende Buddhastatue immer mehr in den kleinkriminellen
    Alltag seiner Umgebung, in der auch alle anderen nur versuchen, so gut
    es geht zu (über)leben. Streckenweise hatte ich - bedingt durch den
    minimalistischen Stil - das Gefühl, eine Doku zu sehen, die ein klein
    wenig im Melodramatischen schwelgt.
    In Europa erfordert ein solcher Film ein eigenes Manifest und heißt dann
    Dogma-Film, während uns im US-Mainstream die CGI-zugekleisterten
    Eye-Candy-Filmchen schön langsam an den Rande des Gehirnschlags bringen...
    Daher eine unbedingte (blinde!) Empfehlung für "Alian", dessen
    Stil und Wirkung mich (zumindest den offiziellen Texten nach) sehr an
    "Xianghuo" erinnern. Ich hoffe, dasselbe im nachhinein immer noch sagen
    zu können - es wäre ein großes Kompliment.