Aujourd'hui, dis-moi

 F 1980
Independent 
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Drei Gespräche: Akermann versucht eine Vorstellung von Großmüttern überhaupt zu beschwören, indem sie mehrere aufsucht.

Dis-moi [Sag mir] sollte wohl besser Dites-moi [Sagt mir] heißen, da Chantal Akerman den Titel der von Jean Frapat betreuten TV-Reihe «Grand-méres» [Großmütter] offenbar tatsächlich im Plural nimmt. Es geht ihr nicht darum, ihre Großmutter zu filmen, um mit dieser über die eigene Familie zu plaudern, sondern vielmehr eine Vorstellung von Großmüttern überhaupt zu beschwören, indem sie mehrere aufsucht. Dabei steht zwischen den drei Gesprächen des Films ein abwesender Mensch, Akermans Großmutter mütterlicherseits, die mit 30 Jahren deportiert worden war. Die Frauen, die zu Wort kommen, sind nicht zufällig gewählt. Alle sind Jüdinnen, alle haben Osteuropa in Richtung Frankreich verlassen, alle sind in KZs gewesen. Doch der Ansatz der Regisseurin ist nicht generationenbezogen. Sie versucht nicht, ein Porträt ihrer Großmutter zu entwerfen, indem sie Fährten folgt, die zu dieser hinführen könnten. Im Gegenteil stellt sie unterschiedliche Generationen nebeneinander: Die Frauen sind nicht gleich alt, eine scheint sogar etwas jung für eine Großmutter, und alle verweilen unterschiedlich lang bei dem, was sie über ihre Familien und Generationen zu sagen haben. Die erste, eine polnische Jüdin, spricht von ihren Enkeln: «Es macht Spaß, wenn man welche hat»; die zweite vor allem von ihrer Mutter, die bei ihrer Heimkehr aus Auschwitz verschollen gegangen ist: «Ich hätte am liebsten tausend Kinder, um all das Unrecht auszulöschen ». Die dritte, bei der der Film am längsten verweilt, erzählt von ihrer Großmutter, und zwar als einer Heiligen («So sind Großmütter damals gewesen »): Bei ihrer Beerdigung im tiefsten Winter habe die Sonne geschienen, als ob es Sommer gewesen wäre. Wenn der Film auf den verschiedenen Stammbäumen sozusagen ständig hoch- und runterklettert, von einer Generation zur nächsten kommt, dann spiegelt sich darin auch ein bruchstückhaftes Gespräch zwischen Akerman und ihrer Mutter, das am Anfang des Films steht und später immer wieder im Hintergrund zu hören ist. Auf die Eröffnungsfrage: «Sag mir, Mama, welche Erinnerungen hast du an deine Mutter?», erinnert sich die Mutter wiederum an ihre eigene Großmutter, von der sie nach ihrer Heimkehr aus dem KZ aufgenommen worden war. Die Stimme von Akermans Mutter, die über Bilder ihrer Wohnung gelegt ist, trägt dazu bei, dass man sich manchmal unsicher darüber wird, welche Frau welche ist: Während die eine im Gegenlicht still an ihrem Küchenfenster steht, hört man, wie Akermans Mutter sich an die Hitze in der Küche ihrer eigenen Mutter erinnert. Durch das Sprechen entsteht eine große Verbundenheit, die ausschließlich weiblich ist. Ihr Zentrum ist die Liebe der Frauen für ihre Vorfahrinnen und Kinder, aber ebenso - da mitten im Leben auch die Erfahrung der Lager steckte - die Abwesenheit und die Rudimente einer Familie, die zu Tode gekommen ist.

(Text: Viennale 2011)

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Chantal Akerman

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