Cannes: Vaterbesuch mit falschen Zähnen

Peter Simonischek…/Cannes Film Festival
Peter Simonischek…

 Acht Jahre lang hatten die Deutschen keinen Film im Wettbewerb von Cannes, und schon gar nicht von einer Frau. Doch Maren Ades umwerfende Vater-Tochter-Dramedy "Toni Erdmann" mit Peter Simonischek in der Titelrolle geriet zum spektakulären Erfolg: Mit euphorischem Szenenapplaus und wiederholten Lachstürmen quittierte die internationale Presse die Erstaufführung von "Toni Erdmann".

"Es ist die beste 162 Minuten lange Komödie aus Deutschland, die Sie jemals sehen werden", schwärmte der Hollywood Reporter, der es offenbar nicht fassen kann, dass Deutsche auch Humor beweisen können. Doch genau das tut die 39-jährige Regisseurin, deren letzter Film "Alle anderen" mit Birgit Minichmayr bereits große Begeisterung hervorgerufen hat, allemal. Und noch viel mehr. "Toni Erdmann" – koproduziert von der österreichischen coop99 Filmproduktion – ist eine in Moll gestimmte, skurril-zärtliche Komödie mit unfassbaren Einfällen, bizarren Peinlichkeiten und schneidendem Tiefgang. Und vor allem: Sie ist ganz hervorragend gespielt. Der österreichische Schauspieler Peter Simonischek in der Titelrolle verkörpert einen einsamen Vater, der seiner Tochter Ines in Bukarest einen Überraschungsbesuch abstattet. Sandra Hüller als verzwickte Karrieristin ist vorerst wenig erfreut und steht als Unternehmensberaterin gerade enorm unter Druck; eigentlich will sie den Alten nur loswerden. Doch Vater Winfried, ein ausgemusterter Musiklehrer, liebt es, sich in eine Alternativpersönlichkeit zu verwandeln und den Leuten zu nahe zu treten. Dazu steckt er sich falsche Zähne ins Gesicht, setzt sich eine schlechte Perücke auf und nennt sich Toni Erdmann. Als solcher taucht er bei Terminen seiner Tochter auf: Er lungert in Bars herum, behauptet, er würde auf einen Milliardär warten oder streut den Menschen Parmesan ins Haar. Seine Tochter wiederum tut so, als würde sie ihn nicht kennen.

Simonischek spielt die schwierige Balance zwischen Freak und Vaterliebe mit unglaublicher Nuanciertheit. Noch mit dem blödesten Schmäh versteht er es, seine Umgebung zu entwaffnen. Hüller wiederum beginnt als strenge, zugeknöpfte Karrierefrau, die nach und nach ihre Abwehrmechanismen aufsperrt. Als sie schließlich in einen jubilierenden Whitney-Houston-Song-ausbricht, beginnt das Kino vor Begeisterung zu juchzen – und den in Cannes seltenen Szenenapplaus zu spenden. Und das gleich zwei Mal.

Damit honorierte es "Toni Erdmann" als großen Höhepunkt in einem bisher ohnehin starken Wettbewerb.

 

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