"Dämonen und Wunder - Dheepan": Die Rache des Hausmeisters

Jesuthasan Antonythasan (re.) flüchtet aus Sri Lanka nach Paris und gibt vor, ein Familienvater zu sein: „Dheepan“ von Jacques Audiard/Filmladen
Jesuthasan Antonythasan (re.) flüchtet aus Sri Lanka nach Paris und gibt vor, ein Familienvater zu sein: „Dheepan“ von Jacques Audiard

Sie sind seit sechs Monaten tot: Natarja Dheepan, 35, seine Frau Yalini, 24 und deren neunjährige Tochter Illayaal. Getötet im tobenden Bürgerkrieg von Sri Lanka. Doch gibt es zufällig drei Menschen ähnlichen Alters, die diesen Bürgerkrieg hinter sich lassen wollen. Sie übernehmen heimlich die Identitäten der drei Verstorbenen ? und erhalten dafür ein Visum für Frankreich.

Drei Fremde, die im Exil plötzlich Papa, Mama, Kind spielen müssen: Mit seinem Sozialdrama-Thriller "Dheepan" gewann Jacques Audiard, mit Filmen wie "Ein Prophet" und "Der Geschmack von Rost und Knochen" Dauergast auf den Filmfestspielen in Cannes, heuer endlich die Goldene Palme.

Rachethriller

Ob es sich dabei um Audiards besten Film handelt, lässt sich streiten (Antwort: eher nein); in jedem Fall aber finden Frankreichs gewaltsame Realitäten hier ein Echo, auch wenn religiöse Konflikte gerade nicht zum Thema gemacht werden.

Die größten Stärken von "Dheepan" liegen vor allem in der ersten Halbzeit, wenn die tamilischen Flüchtlinge in ihrer neuen "Heimat" ? einem abgewrackten Sozialbau in einem Vorort von Paris ? so etwas wie Normalität versuchen. Die völlig fremde Umgebung und die "Fake-Familie" stellt sie vor große Herausforderungen.

"Du könntest wenigstens ein bisschen nett zu mir sein", klagt die Neunjährige ihre neue "Mutter" an. Sie könne aber nicht mit Kindern umgehen, verteidigt diese sich schwach. Doch gerade durch die Notlage schweißt sich die Schicksalsgemeinschaft der drei Tamilen zu einer "richtigen" Familie zusammen.

Im letzten Drittel aber kippt Audiard sein schön beobachtetes Sozialdrama plötzlich in einen kraftmeierischen Rachethriller. Dazu verschiebt er die Bürgerkriegsfront in Sri Lanka symbolisch in den Vorort von Paris. Im Wohnblock, in dem Dheepan als Hausmeister tätig geworden ist und "seine Frau" als Pflegerin arbeitet, bricht ein Bandenkrieg unter den französischen Drogendealern los. Wüste Schießereien, die erstaunlicherweise den Autoritäten gänzlich verborgen bleiben, hüllen die Stiegenhäuser in Rauchschwaden. Von Polizei keine Spur.

Auch der bis dahin so gutmütig wirkende Dheepan verwandelt sich ? aus Gründen der Selbstverteidigung ? überraschenderweise in einen schießwütigen Rambo. Als Ex-Mitglied der Rebellenmiliz Tamil Tigers weiß er nur zu gut, wie man mit Waffen umgeht. Die Gewalt innerhalb der französischen Gesellschaft, sie hat den ehemaligen Rebellen reaktiviert ? wie einen Schläfer, der aufs Stichwort zum Kämpfer wird. In Frankreich gibt es für die Flüchtlinge also keine Zukunft. Erst in London finden sie in ein ? etwas seltsam anmutendes ? Happy End.

In Paris hingegen, so scheint es Jacques Audiard nahelegen zu wollen, ist Integration nicht möglich.

INFO: F 2015. 114 Min. Von Jacques Audiard. Mit Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan.

KURIER-Wertung:

Die Kunst, andere für sich zu berauschen

Noah Baumbach und Greta Gerwig machen einen Generationensprung zwischen 20- und 30jährigen.

Screwball-Komödie, dein Name ist Greta Gerwig. Spätestens als "Francis Ha" stahl uns die umwerfende Blondine das Herz, nur um es uns als "Mistress America" lässig wieder zuzuwerfen. Gemeinsam mit ihrem Partner, Regisseur Noah Baumbach, verfasste Gerwig ein weiteres eloquentes Gesellschaftsstück jugendlicher Befindlichkeit ? nach Baumbachs "Gefühlt Mitte Zwanzig" ? diesmal mit einem Generationensprung zwischen einer 20- und einer 30-Jährigen.

Tracy (die Jüngere) beginnt in New York zu studieren und fühlt sich auf dem College "wie auf einer Party, wo man niemanden kennt. Aber die ganze Zeit." Ihre Mutter vermittelt ihr die Telefonnummer von Brooke, Tracys zukünftiger Stiefschwester, wohnhaft in einem (illegalen) Loft am Times Square.

Greta Gerwig als Brooke berauscht als Lebenskünstlerin zwischen Aerobic-Lehrerin und T-Shirt-Designerin. Ihre größte Gabe besteht darin, andere für sich zu berauschen ? so auch Tracy. Dialoge im Affentempo schlagen zwischen Screwball, Sitcom und Gesellschaftskomödie sprühend ihre Funken.

INFO: USA 2015. 84 Min. Von Noah Baumbach. Mit Greta Gerwig, Lola Kirke, Seth Barrish.

KURIER-Wertung:

Seit Udai fort ist

Auf der Suche nach dem großen Bruder: Bittersüßes Nostalgiestück aus Indien

Seit Udai fort ist, ist seine Mutter nicht mehr dieselbe. Jeden Tag eilt sie in ihrem kleinen indischen Dorf dem Briefträger entgegen und hofft auf ein Lebenszeichen. Udai hat sich nach Umrika ? Hindi-Name für Amerika ? abgesetzt und lässt nichts von sich hören.

Doch eines Tages kommt ein Brief ? und von da an in regelmäßigen Abständen. Udai berichtet aus Umrika Mitte der 80er-Jahre und schickt der staunenden Dorfgemeinde Fotos von Wrestlerinnen und Wasserklosetts. Sein jüngerer Bruder ? gespielt von Suraj Sharma, Star aus "The Life of Pi"? ist schwer beeindruckt. Bis er sich auf die Suche nach Udai macht. Bittersüße Indien-Nostalgie.

INFO: IN 2015. 98 Min. Von Prashant Nair. Mit Suraj Sharma, Tony Revolori, Smita Tambe, Adil Hussain.

KURIER-Wertung:

Rodelfahrt im Pulverschnee

Kinderbuchbestseller im Hochglanzformat mit Bruno Ganz als "Alm-Öhi".

135 Jahre ist es her, seit die Schweizer Autorin Johanna Spyri ihren Weltbestseller "Heidis Lehr- und Wanderjahre" schrieb. In der neuesten Kinoversion kommt "Heidi" als Hochglanz-Idylle daher: Saftiges Grün, knallrote Dachziegel, ein Dörfchen, eingeschmiegt zwischen einem idyllischen Bergsee und schroffen Felswänden. Und in den Winterszenen wärmt eine optisch opulente Rodelfahrt durch den Pulverschnee zumindest das Herz. Auch die Besetzung ist vom Feinsten: Anuk Steffen ist als Naturkind Heidi reizend anzusehen und Bruno Ganz nimmt seine Rolle als "Alm-Öhi" schauspielerisch ernst. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass Heidis Schicksal trotz kitschiger Momente berührt. Mit der Geschichte vom scheinbar so naiven Alpenkind Heidi propagierte Spyri seinerzeit die Erkenntnis, dass Bildung eine Flucht aus sozialen Gegebenheiten möglich macht ? und nicht etwa den Rückzug in eine heile Welt, wie dieser Film uns glauben machen will.

Aber man kann den Film auch als das sehen, was er ist: als Hochglanz-Idylle ? siehe oben!

Text: Gabriele Flossmann

INFO: CH/D 2015. 111 Min. Von Alain Gsponer. Mit Anuk Steffen, Bruno Ganz, Quirin Agrippi.

KURIER-Wertung:

Dämonen und Wunder - Dheepan

Dämonen und Wunder - Dheepan

F 2015

Dheepan

Drama, Krimi
11.12.2015
Jacques Audiard
Stilbewusst und spannend erzählt Audiard eine scharf beobachtete Immigrationsgeschichte, kraftvoll getragen von charismatischen Darstellern.
7.20

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