Filmkritiken
06.12.2018

„In my Room“: Dystopische Liebesgeschichte mitten in Deutschland

Ulrich Köhler war mit seinem Sci-Fi Drama der einzige deutsche Filmemacher auf den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes.

Armin ist  Anfang 40, Kameramann und pleite. Statt sich wie die meisten anderen in seiner Altersgruppe eine Familie aufzubauen, streift er lieber nachts durch Berliner Clubs, in denen er zu viel trinkt und sich vor viel zu jungen Frauen blamiert. Ein Wochenende bei seinem Vater und seiner kranken Oma stellen ihn vor existentialistische Fragen. Als er eines Morgens aufwacht ist niemand mehr da. Alle Menschen sind verschwunden. Armin ist auf sich alleine gestellt und muss sein Lebensmodell neu überdenken.

Die Geschichte über einen ziellosen Mann im mittleren Alter beginnt wie ein gewöhnliches Drama. Erfolglos in der Arbeitswelt, Ablehnung bei den Frauen und die anschließende Zuflucht bei der Familie sind keine erzählerischen Elemente, die man einem Science-Fiction Film zuordnen würde. „In my Room“ schafft es im ersten Drittel ein facettenreiches Gesellschaftsbild zu entwerfen, das weder didaktisch noch banal ist, das macht den anschließenden Verlust der menschlichen Zivilisation umso tragischer. Eben noch streitet man über die Musik aus dem Radio und im nächsten Moment ist die gesamte Familie wie vom Erdboden verschluckt.

Gedreht wurde die Dystopie in der Nähe von Hannover. Das Szenenbild ist dabei eine Mischung aus realen Elementen und VFX Effekten, die ihre gespenstische Atmosphäre vor allem in weiten Aufnahmen entfalten können. Nachdem man sich an die unerwartete Wendung in der Geschichte gewöhnt, erwartet man großes von diesem Film. Fast alle Geschichten über das Ende der Menschheit bedienen sich den gleichen Mustern, die Hauptfigur teilt ihre Gedanken entweder einem Tier mit, muss ein Gegenmittel für eine Epidemie finden oder eine Liebesbeziehung führt zur Erkenntnis, dass das Leben doch noch Lebenswert ist. Man hofft darauf, dass man nun endlich einen Film zu Gesicht bekommt, der die Tücken dieses Genres meistert, doch „In my Room“ fällt den gleichen Problemen zum Opfer.

Der zweite Teil des Sci-Fi Dramas ist durch die Ankunft einer mysteriösen Frau geprägt und wie könnte es anders sein – es kommt zu einer Liebesgeschichte. Auch wenn Köhler in seiner detaillierten Erzählung Geschlechterklischees bricht, wirkt ab diesem Zeitpunkt das gesamte Setting überflüssig. Die Probleme der Figuren wirken im Kontext ihrer Lebensumstände banal und unnachvollziehbar. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit Fragen über Nachhaltigkeit und umweltfreundlichen Gesellschaftsmodellen reicht hier leider nicht aus um über die ganzen zwei Stunden Lauflänge das Interesse des Publikums zu halten.