Hader Interview: Ein bisschen auszucken in etwas lächerlicher Form

Josef Hader/© Wega Film/Petro Domenigg
Josef Hader

film.at: Sie haben gerade die Dreharbeiten zu ihrem ersten eigenen Film abgeschlossen. Sind  unerwartete körperliche oder geistige Folgeerscheinungen aufgetreten, von denen Sie uns berichten könnten?

Josef Hader: Es sind keine Katastrophen passiert und das ist sowieso das Beste, was man über Dreharbeiten sagen kann. Es ist alles sehr gut verlaufen und den Rest bemerkt man erst beim Schnitt.

Wie lange spielen Sie schon mit dem Gedanken, selber einen Film zu machen? Sind Sie ein Mensch, dem Entscheidungen leicht fallen oder eher einer, der viel mit sich hadert?

Ich hatte das schon länger vor und habe das Buch auch deswegen geschrieben, weil ich das einmal ganz bewusst alleine machen und die volle Verantwortung dafür übernehmen wollte. Immerhin bin ich vor drei Jahren 50 geworden und darum habe ich mir gedacht, es wird Zeit.   

War Zuspruch von anderer Seite nötig, um den Entschluss zu fassen?

Nein, ich musste die eigene Disziplinlosigkeit überwinden, um endlich einen Entwurf zu schreiben. Bisher habe ich die Drehbücher nach zwei bis drei Fassungen immer entkernt und die Ideen in andere Projekte verlagert, wie zum Beispiel die Brenner-Filme oder Fernseharbeiten wie etwa „Die Aufschneider“. Dieses Mal habe ich es hingegen endlich geschafft mein eigenes fertigzustellen.   

Haben Sie bestimmte Vorbilder oder Lehrmeister? Zum Beispiel Wolfgang Murnberger, dem Sie ja schon etliche Male beim Regieführen zuschauen konnten?

Wolfgang Murnberger ist ein tolles Vorbild, weil er sehr entspannt und gelassen am Set agiert. Eigentlich gibt er wenige Anweisungen, wodurch man als Schauspieler automatisch in eine Eigendynamik kommt, etwas anzubieten.

Wie lange haben Sie an dem Drehbuch gearbeitet? Bzw. wie viele Stadien hat das Script durchlaufen?  

Wenn ich Zeit hatte, habe ich im Lauf  von drei Jahren immer wieder eine Fassung geschrieben. Insgesamt wurden es dann zehn Fassungen.  Ungefähr so viele gibt es auch bei den Wolf Haas-Verfilmungen.

Die Inhaltsangabe klingt nach der komödiantischen Version  einer Midlife Crisis. Welche Genrebezeichnung würden Sie dem Film geben?

Also genremäßig ist „Die Wilde Maus“ eigentlich eine Mischung aus Tragikomödie, Beziehungsfilm, Buddy-Movie und asiatischem Rachefilm.  

Worum geht es denn nun eigentlich?

In diesem Ensemblefilm gibt es alle möglichen Arten von Beziehungen, die in ganz verschiedenen Welten angesiedelt sind. Da ist die Welt der Praterstraße, wo es um das private Umfeld der Hauptfigur geht – dort regiert Georg Friedrich; dann gibt es die Welt des abgefederten modernen Bürgertums, wo sich keiner für einen Bürger hält, sondern jeder glaubt, total hip zu sein; außerdem ist da eine Welt in einem Villenviertel, wo wir im 23. Bezirk neben der Wotrubakirche ein sehr schönes Motiv gefunden haben;  und schließlich gibt es eine Welt der Zeitungsredaktion. In all diesen Atmosphären ergeben sich ganz verschiedene Kontakte. Der Grundgedanke des Film ist eigentlich der: Wir haben extrem viele Beziehungen und die wenigsten Menschen können das so ordnen, dass diese Welten zusammenpassen.

Sie haben gerade von einer Redaktion gesprochen, weil Sie ja einen Musikkritiker spielen;  könnten Sie sich selber zur Not auch in diesem Job durchschlagen?

Nein, ich verstehe viel zu wenig von Musik. Bei meinem Kritiker geht es außerdem um klassische Musik und da müsste man erst recht ein bisschen mehr wissen, als ich das tue. Aber ich könnte jederzeit vortäuschen, einer zu sein – und ich vermute, manche machen das auch so.

Filmkritiker wäre dann wahrscheinlich schon eine bessere Option?

Ja, den könnte ich besser vortäuschen.

Der Filmtitel bezieht sich ja wohl auf die gleichnamige Achterbahn im Wiener Prater und Sie haben dort wohl auch gedreht?   

Stimmt, wir haben ca. eineinhalb Wochen dort gedreht und ein wirklich großes Entgegenkommen bei den Betreibern, sei es bei der Liliputbahn, der „Wilden Maus“ oder anderen Locations, erlebt.

Haben Sie ein Schleudertrauma davongetragen vom vielen Achterbahn fahren?

Nein, überhaupt nicht: es gibt nur eine einzige nächtliche Szene, in der ich fahren musste.

Und was verbindet Sie persönlich eigentlich mit dem Prater?  

Ich bin seit Kindertagen immer wieder dort gewesen und habe eindeutig ein positives Verhältnis zu dem Ort.

Ihre Figur scheint extrem nachtragend zu sein  und rächt sich am ehemaligen Chef…

Sie ist nicht wirklich rachsüchtig, sondern hat nur ein krankhaft großes Ego, wie das bei Künstlern und Journalisten halt oft der Fall ist. Der Mann verkraftet die Entlassung bei der Zeitung nicht. Vor allem Männer mit übersteigertem Ego machen in so einer Situation dann sehr eigenartige Dinge. Personen, die ihr ganzes Selbstwertgefühl auf die Karriere aufgebaut haben, zucken eben aus, wenn sie mit einer Rückreihung konfrontiert werden. Ich erzähle  die Geschichte  von einem, der ein bisschen ausrastet  - allerdings in einer sehr sparsamen und auch etwas lächerlichen Form.

Hatten Sie beim Schreiben bereits bestimmte Schauspieler für die jeweiligen Rollen vorgesehen?

Teilweise, bei einigen war es klar, bei den andern habe ich überlegt, wie man das am besten herausfinden könnte. Ich habe die Besetzungen abseits der blöden Casting-Situation gefunden, indem ich einfach einige sehr geschätzte Kollegen und Kolleginnen eingeladen habe, mit mir zu lesen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hatten sie auch nichts dagegen, dass ich da ein bisschen mitfilme und noch später haben sie dann auch selber zum Spielen angefangen.  Ich bin wirklich über jede einzelne Besetzung nach wie vor sehr glücklich.

Wie viel Zeit vergeht jetzt bis zur Postproduktion?

Es gibt zwei Grundprinzipien bei der Filmarbeit: entweder man versucht alles zu kontrollieren, oder man versucht, alle Leute hineinzulassen ins Projekt, damit sie ihre Ideen beisteuern können. Ich habe mich für die zweite Alternative entschieden oder entscheiden müssen. So gut bin ich nicht, dass ich den großen Regisseur spielen könnte. (lacht)  Meine Aufgabe war es letztendlich, aus den eingebrachten Vorschlägen eine Auswahl zu treffen. Das möchte ich auch beim Schnitt so machen: Die Cutterin Mona Willi wird jetzt in Ruhe einen Rohschnitt herstellen, ohne dass ich ihr dazwischenfunke. Ich weiß ja ohnehin im Kopf schon ungefähr, wie ich’s mir vorstelle – und das merk‘ ich mir auch (lacht); das muss ich nicht sofort sehen. Ich habe das auch bei Wolfgang Murnberger miterlebt: wenn man den Cutter/die Cutterin zuerst alleine arbeiten lässt, entstehen ganz wertvolle Ideen, auf die man selber nicht gekommen wäre.

Wer war sonst noch im Team – zum Beispiel hinter der Kamera?

Wer die Kamera macht ist sicher die wichtigste Entscheidung des Regisseurs. Ich war zuerst in einem Zwiespalt: nimmt man einen Erfahreneren, der schon älter ist? Das bringt die Gefahr mit sich, dass der einem dann die Welt erklären will. Oder nimmt man jemand jüngeren? Da besteht die Gefahr, dass er oder sie zu wenig weiß. Ich habe mich einfach umgeschaut; mittlerweile ist es ja so, dass es auch von Kameraleuten Showreels gibt, wo man sich verschiedene Filme anschauen kann. Und so habe ich mich für Andreas Thalhammer und Xiaosu Han entschieden. Seit zehn Jahren machen die Zwei in ganz unterschiedlichen Stilen Independent-Filme auf der ganzen Welt – in Österreich z.B. kürzlich „Beautiful Girl“-, immer in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur.

Was hat Sie an den Beiden überzeugt?

Mich hat ihr System interessiert, wie sie sich die Arbeit nach amerikanischem Muster aufteilen: es gibt einen Director of Photography, der wirklich nur ausleuchtet und sich ums Bild kümmert – und einen Operator, der die Kamera bedient. Ich habe mich mit ihnen zusammengesetzt und wir haben uns vom ersten Moment an irrsinnig gut verstanden. Das war  einfach ein Riesenglück für mich und das ist auch der Hauptgrund, warum so wenig schief gegangen ist: wir haben uns gegenseitig zugehört und gemeinsam sehr gut vorbereitet, was und wie wir erzählen wollen. Sie haben jede Idee von mir sehr behutsam überlegt. Das sind 30jährige junge Leute, die völlig intuitiv in Bildern denken und die auch einen digitalen Film so ausleuchten können, dass er wie „Film“ ausschaut und man nicht das Gefühl hat, alles ist blitzsauber oder das Licht fetzt hinein und macht sich ungeheuer wichtig. 

Worauf muss man bei der Lichtsetzung für Digitalfilme denn nun eigentlich achten?

Beim digitalen Film braucht man viele, gut verteilte Lichtquellen, die aber dafür schwächer sind. Ich habe nur so gestaunt, mit welchen mir völlig unbekannten Beleuchtungskörpern die Zwei dahergekommen sind. Ihre Bilder schauen wirklich sensationell aus.  Auch das restliche Team hat mich sehr unterstützt. Es war eine Zusammenarbeit mit unglaublich kompetenten Menschen. Ich habe noch nie so viel  Engagement an einem Set erlebt – zumindest kommt es mir so vor.

Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen Schauspielen und Regieführen?

Für einen Schauspieler ist es eine sehr angenehme Situation, wenn er sich nur auf seine Figur konzentrieren kann und weiß: um alles, was rundherum passiert, sorgen sich andere. Bei einem eigenen Projekt hingegen, an dem man lange gearbeitet hat, empfinde ich es nicht als unangenehm oder unorganisch, selber Regie zu führen. Das sage ich jetzt einmal großkotzig – schauen wir,  wie der Film wird.

Wir werden das wohl im Februar 2017 erfahren. Dann ist doch der Filmstart vorgesehen?

Vielleicht geht es auch schon etwas früher.

Haben Sie jetzt eigentlich lebenslänglich Freifahrt auf der „Wilden Maus“?

Das muss ich erst ausprobieren.

 

Das Gespräch führten Franco Schedl und Katrin P. Fröstl


 

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