Karl Merkatz: Erinnerungen eines Großen

Karl Merkatz Interview Foto: Franz Neumayr 12.03.2…KURIER/Franz Neumayr
Karl Merkatz Interview Foto: Franz Neumayr 12.03.2…

 Ein Besuch bei dem Mann, der Österreichs Fernsehgeschichte geprägt hat und bis heute als Schauspieler gefragt ist.

Herr Merkatz, Sie sind einer der wenigen Schauspieler, von denen ich, aufgrund einer Rolle, ein komplett falsches Bild hatte. Früher dachte ich immer, Sie wären wie der „Mundl“ – bis ich in einem Interview gehört habe, wie gewählt Sie sich ausdrücken.  

Das Problem des Schauspielers überhaupt ist, wenn er nicht zur Figur wird. Privat ist man jemand anderer, aber im Moment des Spielens muss man die Figur werden oder entsprechend die Maske dazu haben – und empfinden, was die Figur empfindet. Das steht meistens nicht im Text. Deshalb muss man der Figur eine Seele geben, wie es vom Autor vorgesehen ist.

Kompliment, dass Sie das beim „Mundl“ so glaubwürdig rübergebracht haben. Eigentlich sind Sie doch viel mehr ein Intellektueller ...

Na, intellektuell war ich im Prinzip nicht, obwohl ich gerne verschiedene Sachen lese.

Wie würden Sie sich denn selbst bezeichnen?  

Privat als ganz normalen Menschen  – und die Figuren übernimmt man einfach. Wenn ich am Theater  eine intensive Figur gespielt habe, musste ich in der letzten Woche vor der Premiere schon sehr exakt sein. Da hatte meine Frau nichts zu lachen. Denn dann bin ich in dieser Woche die Figur. Da redet sie mich dann gar nicht an.

Karl Merkatz zündet sich eine Zigarette an.  

Ich habe Sie in der Vorbereitung auf das Gespräch  in einer Sendung aus dem Jahr 1977 rauchen gesehen – und 2013 in einer Talkrunde auf ORF III. Ist das Rauchen im TV heutzutage nicht verpönt?

Ich habe gesagt, ich komm nur, wenn ich rauchen darf. Ich habe auch bei ganz großen Filmen in bestimmten Situationen geraucht, auch, wenn es nicht erwünscht war. Wir sprechen ständig von Demokratie, aber ich sage, das ist eine diktatorische Demokratie, in der einem alles diktiert wird. Man darf das nicht und das nicht! Bald wird es so sein, dass man keinen Alkohol mehr trinken darf.

 

 

 

Karl Merkatz schenkt sich ein Glas Wein ein.

Darf ich auch ein Glas?  

Wollen S’ ans? Kein Problem. Ein Viertel oder ein Achtel?

Ein Achtel – wegen dem Autofahren. Sie sind also ein Genussmensch?

Ja, sicher. Wenn ich in der Werkstatt bin, komm ich oft um elf herüber ins Haus und trink ein Viertel Weiß, weil der munter hält. Der Rote macht zum Teil ein bisschen müde und träger. Aber ich trinke den Roten eigentlich lieber als den Weißen.

 

 

 

Weil Sie Ihre Werkstatt erwähnen: Sie haben eine Tischlerlehre abgeschlossen. Ist das auch eine Ihrer Passionen?  

Eine Passion nicht.  Das ist erst gekommen, als ich schon lange Schauspieler war. Ich musste von den Eltern aus ein Handwerk erlernen, weil Schauspieler ja ein Hungerleider-Beruf war. Im Krieg waren wir alle hungrig. Am 2. Jänner 1946, mit 15,  hab ich dann mit der Tischlerlehre angefangen. Ich bekam vom Arbeitsamt eine Stelle in einer Sargtischlerei. Draußen standen 50, 60 Särge aufgestapelt und da hab ich gesagt, das will ich dann doch nicht.

Einer muss es ja machen.

Das stimmt, ich fand aber eine Stelle, die mir viel besser lag. Es war eine kleine Antiquitätentischlerei. Da war ich 21 und habe dort die Restaurierung von alten, sehr schönen Möbeln gelernt.

 

 

 

 

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Und die Schauspielerei?  

Als ich dann Tischler war, bin ich zum Reinhardt-Seminar gegangen, um mich vorzustellen. Aber der Portier hat gesagt, dass alles besetzt ist. Ich hatte alte Schuhe und ein Jankerl an. Damals gab es nicht viel. Da hat er mich gleich abgewiesen. Dafür habe ich im Seminar einen Lehrer kennengelernt, der hat mir eine wichtige Frage gestellt hat: „Wollen S’ Schauspieler oder Mensch werden? Überlegen Sie sich das.“

Was haben Sie geantwortet?  

Ich habe acht Tage nachgedacht und ihm dann gesagt: „Eigentlich möchte ich Mensch werden.“ Von da an, hat er mich unterrichtet und im Prinzip dahin geführt, ein ruhiger Mensch zu werden, der ein Gefühl entwickelt und das Recht einhält.

Nach welcher Methode?

Er hat zum Beispiel die Bibel aufgeschlagen, mit dem Finger auf eine Stelle gezeigt und gesagt: „Darüber reden wir jetzt.“ Da habe ich durch ihn sehr schöne Empfindungen bekommen, weil er mich gleichzeitig aufgeklärt hat, was dort wirklich steht. In der Bibel steht vieles zur Menschwerdung drinnen. Das habe ich ein halbes Jahr mit ihm vollzogen, bis ich aus Österreich weg musste.  

Weil?  

... es keine Arbeit gab. Ich war dann zwei Semester in der Schauspielschule in der Schweiz. Aber ich musste immer wieder ausreisen, weil ich Ausländer war.     Dann bin ich zwei Jahre ans Mozarteum in Salzburg ...

... und später ans Stadttheater Heilbronn in Deutschland.  

Ich hab’ mich bei 47 oder 48 Theatern in Deutschland beworben. Es kam aber nur ein einziger Brief zurück. Das war Heilbronn am Neckar.

Haben Sie dort nicht auch Ihre Frau kennengelernt?

Ja, so war das. Im Mozarteum war ich bei der Abschlussprüfung der Beste und hab’ 7.000 Schilling gewonnen. Das Theater in Heilbronn hat zwei Anzüge verlangt, damit ich mich vorstellen kann, einen guten und einen Gebrauchsanzug. Die hab’ ich mir um die 7.000 Schilling bei einem Schneider in Freilassing machen lassen. Ich war zuerst Inspizient und habe mich dann über kleine Rollen zu den größeren vorgearbeitet.

Und Ihre Frau?  

Als ich einmal nach den Proben im Restaurrant, das zum Theater gehört hat, ein Glaserl trinken war, saßen dort zwei Damen. Ich wollte ein bisschen flirten, aber keine der beiden Damen war interessiert. Aber eine musste immer wieder kommen, weil sie mit dem Unternehmer bekannt war, der die Kulissen gebracht hat. Sie musste immer warten, bis er fertig war. Einmal hat sie zu lange gewartet.

 

 

 

 

Das klingt so, als hätte es so kommen sollen: Die 7.000 Schilling, die Sie am Mozarteum  gewinnen, um zwei Anzüge für das Vorstellen am Theater Heilbronn kaufen zu können, das als einziges Theater von 48 zurückschreibt. Glauben Sie an Schicksal?  

Auf jeden Fall, sonst hätte ich Heilbronn, wo ich auch noch zu spät zum ersten Vorsprechen gekommen bin, nicht gekriegt. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls hätte ich dieses junge Mädl dann nicht kennengelernt und sie nicht geheiratet und würde nicht schon 70 Jahre mit ihr zusammenleben.

60 Jahre waren es heuer, hat mir Ihre Frau vorhin erzählt.

Sie erinnert sich viel besser als ich.

Haben Sie  so etwas wie ein Ehe-Rezept?

Martha Merkatz: Vielleicht kann man es am besten so erklären. Wenn wir zum Beispiel Tapeten ausgesucht haben, hatte der Karl seine Favoriten und ich meine. Die haben wir beide markiert. Und eigentlich war immer ein Modell dabei, mit dem wir beide gut leben konnten.

 

Ein weiterer Erfolg stellte sich 1976 ein. Man braucht nur „Mundl“ zu sagen.

Da war ich noch in Deutschland und hab’ dann in „Das Duell“ die erste Fernsehrolle bekommen. Danach kam noch ein Film und dann wollte mich der Schwabenitzky (Anm.: Regisseur Reinhard Schwabenitzky)  für den „Echten Wiener“ haben. Edmund Sackbauer hieß der, aber im Spiel hat seine Frau immer „Mundl“ zu ihm gesagt. Das hat sich einfach entwickelt.  

Können Sie sich noch an die erste Ausstrahlung erinnern?  

Das war an einem Montag, an dem eigentlich immer Fußball lief. Aber das wurde aus irgendeinem Grund auf Samstag verlegt. Dann hat man gesagt, spielen wir den „Echten Wiener“ als Ersatz. Is eh wurscht. Und dann hat das so eingeschlagen! Es gab über 1.000 Anrufe, positive und negative. Und dann haben wir vier Jahre immer und immer wieder gedreht.  

Das ist lange her, aber man hat das Gefühl, der „Mundl“ bleibt für immer.  

Ich werde auch heute noch auf ihn angesprochen, oft von sehr jungen Leuten. Das verstehe ich gar nicht. 14-, 15-Jährige sagen mir Texte auf, an die ich mich gar nicht mehr erinnere.

Ist so eine Kult-Rolle für einen Schauspieler Fluch oder Segen?  

Fluch und Segen gibt es gar nicht in diesem Beruf. Entweder macht man ihn oder nicht. Die ganze Geschichte hat mich natürlich überrannt. 1980 ging es dann weiter, als ich ans Volkstheater engagiert wurde, um den „Bockerer“ zu spielen. Das hat auch sehr intensiv eingeschlagen.

Wie wurde „Der Bockerer“ dann verfilmt?

Nach der siebten Vorstellung hat mich dann Herr Antel (Anm.: Regisseur Franz  Antel) angesprochen und gesagt, er hätte mich gerne für einen Bockerer-Film. Aber ich wollte zuerst nicht wegen seiner Lederhosenfilme.  Aber er hat gesagt: „Ich muss Ihnen gestehen, ich habe das nur gemacht, weil ich sehr gut leben wollte und das hat es gebracht.“  

Warum haben Sie die Rolle dann gespielt? 

Er hat diesen wunderbaren Film mit Oskar Werner gemacht. Wie hieß der Film, Frau?

Martha: Der „Oberst Redl“.

Genau. Der Film hat mich so gefesselt, dass ich ihm zugesagt habe.

 

 

Sie haben dann vier Teile gemeinsam gedreht. Entsteht da so etwas wie eine Lebensfreundschaft?  

Wir haben 20 Jahre daran gedreht. Alle fünf Jahre kam er wieder und wollte weitermachen. Antel war ein sehr ehrenwerter, ruhiger Mann, mit dem ich gut zusammenarbeiten konnte, aber eine Lebensfreundschaft hatten wir nicht. Es war mehr eine Arbeitsfreundschaft, obwohl wir oft ein bisserl gestritten haben. Ich war leider oft sehr energisch, aber ich habe mich entschuldigt und er hat gesagt: „Geh Karl, wir arbeiten ja.“ Die Sybille, seine Frau, ist mir an den Hals gesprungen und hat gemeint: „Ich bring dich um, wenn du noch einmal ...“  Aber er hat mich verstanden.

Mit Ernst Hinterberger, dem Autor des „Mundl“ ging es nicht so gut aus. In den Medien hieß es, Sie hätten sich am Ende zerstritten?  

Ich weiß gar nicht mehr, von wem das ausgegangen ist. Seine Aussage war: „Karl, ist schon in Ordnung.“ Aber irgendwas kam dazwischen. Dann war seine Beerdigung und mir wurde mitgeteilt, dass ich nicht kommen darf. Dann kam ich halt nicht, obwohl ich ihn sehr gut verstanden habe. Wir haben sehr schöne Sachen miteinander gesprochen – auch  zuletzt. Ich glaube zu wissen, wer da dazwischengefunkt hat, aber das ist jetzt uninteressant.

Reden Sie eigentlich gerne von vergangenen Zeiten?

Nein, Sie merken ja, dass ich einiges vergessen habe. So ist es auch mit meinen Figuren. Wenn etwas abgespielt ist, bin ich wieder der, der ich bin.

Sie werden heuer 86 ...  

Das ist mir nicht wichtig. Ich denke gar nicht daran.

Ich wollt nur nach Ihren Plänen fragen.  

Pläne habe ich, aber wünschen tu ich mir gar nix. Ich habe mir nie was gewünscht. Ich hatte zwar am Anfang meiner Karriere einmal kurz eine Agentur, aber seither nie mehr. Das ist meine Philosophie. Die Dinge kommen. Es muss alles selber kommen und bis dato war es auch immer so.

Es ruft also jemand an und fragt, ob sie Zeit haben.

Genau so ist es. 

Was wäre, wenn keiner mehr anruft?  

Ach, es wird schon was sein – oder nicht. Ich wurde jetzt für etliche Abende gebeten, diverse Dinge zu tun. Am 8. Juli wird am Salzburger Domplatz  die „Symphonie der Hoffnung“ aufgeführt. Da lese ich die Texte.

Darf ich Sie fragen, ob Sie manchmal an den Tod denken?  

Der kommt, ich warte. Und wenn er da ist, ist er da. Ich lebe in der Zeit, in der ich bin. Was dann kommt, weiß ich nicht. Wenn nichts mehr kommt, kommt nix mehr. Das ist das Leben. Aus. Ende der Durchsage.

 Würden Sie Ihr Leben denn wieder so leben wie bisher?  

Das geht ja gar nicht.

Theoretisch.

Weder theoretisch noch praktisch. Denn das Leben hat ja 86 Jahre so getan bis dato, so wird es auch weitertun. Ob ich 90 werde oder 108 wie der Heesters, weiß ich nicht. Das ist mir auch vollkommen egal. Aus. Ende der Durchsage.

Ich glaube, Sie wollen jetzt Schluss machen. Ihre Frau hat auch schon gekocht und die Kartoffeln zerfallen.   

Martha: Das spielt doch keine Rolle.

Darf ich Sie noch  etwas fragen? Als Ihr Mann sich  2011 im Film „Anfang 80“ in seiner Rolle in eine ältere Dame verliebt und noch einmal Schmetterlinge im Bauch verspürt: Waren Sie eifersüchtig?   

Martha: Ach, ich bin doch nicht am Drehort.  

Karl: Privat haben wir uns mit Christine Ostermayer, 79, sehr gut verstanden. Aber was soll denn da passieren?

Eh nichts.   

Martha: Als ich hörte, dass die Frau Ostermayer, die ich als Schauspielerin sehr mag, mit dabei ist, habe ich mir gewünscht, dass es klappt. Die bekommen bei so einer Produktion ja nicht immer das Geld zusammen. Es war alles sehr stimmig.

Sie haben eine tolle Frau, Herr Merkatz. Ich glaube, es war nicht nur die Harmonie in Sachen Tapeten, die Sie zusammengehalten hat.

Natürlich nicht, aber wir müssen ja nicht alles verraten. Das Geheimnis der Liebe ist es auch, nicht zu viel darüber zu reden.

 

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Karl Merkatz, 85,  wurde 1930 in Wiener Neustadt geboren. Nach einer abgeschlossenen Tischlerlehre nahm er in Wien, Zürich und Salzburg Schauspielunterricht und machte  am Mozarteum seine Abschlussprüfung. Danach folgten Theaterengagements in Deutschland und Österreich. Kultrollen  wie der „Mundl“ und „Der Bockerer“ machten ihn im Fernsehen berühmt. Merkatz und seine Frau Martha, mit der er seit 1956 verheiratet ist, leben in Irrsdorf bei Salzburg in einem alten Bauernhaus. Die erste Begegnung: „Es hat geregnet, aber als wir zum Haus kamen, hat es aufgehört. Das hat uns gefallen.“ Das Paar hat zwei Töchter. Merkatz’ Enkelin ist die Schauspielerin Hilde Dalik.

Wer Karl Merkatz auf DVD sehen will: „Der Blunzenkönig“, einer seiner jüngsten Erfolge, ist jetzt bei Hoanzl auf DVD erschienen.

 

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