Lettre à la prison (Letter to the Prison)

 F 1969
Independent, Action 70 min.
film.at poster

Lettre à la prison ist ein ganz besonderes Projekt: Bereits 1968 begann der Filmemacher Marc Scialom mit der Realisierung des Films, drehte mit eigenem Geld in Tunis und Marseille und stand vor der Fertigstellung, als er aus finanziellen und politischen Gründen keine Kopie mehr anfertigen konnte fiel. Genau vierzig Jahre später wurde Lettre à la prison nun auf private Initiative hin - und wenigstens mit zum Teil öffentlichen Mitteln - zugänglich gemacht. Tahar ist ein junger Tunesier, der von seiner Familie nach Frankreich geschickt wird, um seinen Bruder zu besuchen: Dieser ist in Paris im Gefängnis und des Mordes angeklagt. Aber als er in Marseille landet, nimmt Tahar jedoch nicht den Zug, sondern beginnt durch die Stadt zu irren. Das wäre eine kurze und zugleich unzureichende Beschreibung dieses Films, der - dokumentarisch und fiktiv zugleich - erst heuer beim Filmfestival von Marseille wieder der Öffentlichkeit vorgeführt wurde. Scialom erzählt, indem er Tahars Odyssee zum Anlass nimmt, von den Bedingungen der Immigranten im Allgemeinen, die Ende der 60er Jahre aus Nordafrika nach Frankreich kamen. In jenen Jahren holte Frankreich noch massenweise Arbeiter aus Algerien nach ins Land, die einem allgemeinen und alltäglichen Rassismus ausgeliefert waren. Für nicht begangene Verbrechen widerfährt den Einwanderern Hetze und Verfolgung. In langen Einstellungen sowie in stilistisch und ästhetisch durchdachtem Schwarzweiß geht Lettre à la prison anhand von Tahar dem Schicksal dieser Menschen nach und zeigt auf eindringliche Weise das Scheitern einer Integration, dessen Auswirkungen noch heute zu bemerken sind. Die stille Poetik, mit der Scialom das Geschehen untermalt, hat dabei nichts Beruhigendes, sondern im Gegenteil etwas Verstörendes, und tatsächlich ist man überzeugt, dass etwa eine derartige Irrfahrt durch die Straßen von Marseille, der Scialom 1969 folgt, vierzig Jahre später noch genauso geschehen könnte.

(Text: Viennale 2008)

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Marc Scialom
Matar Mohammed
Marc Scialom
Marc Scialom

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