Nitrofieber: Glück in den Sternen. Der österreichische Werbefilm von 1945-1960

 
Dokumentation 
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Im zweiten Teil zur Geschichte des Österreichischen Werbefilms wird der Hungerperiode unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Wiederaufbauphase nachgespürt. Aufgrund der besseren Überlieferungssituation kann dieses Programm mit besonderen Kostbarkeiten aufwarten: Neben Neurestaurierungen, teilweise direkt von den originalen Kameranegativen gezogen, werden auch historische Kopien präsentiert, die ein authentisches Kinoerlebnis vermitteln.

Nachkriegsnot

1945 bedeutet auch für die Österreichische Werbefilmproduktion eine tiefe Zäsur. Als ab 1947 wieder eine kontinuierliche Produktion anläuft, dient sie hauptsächlich den elementaren Lebensbedürfnissen: Essen, Trinken und das Rauchen stehen im Mittelpunkt. EIN NACHMITTAG BEI SEIDLHUBER, hergestellt 1947, ist eines der prägnantesten Zeugnisse der Nachkriegsnot, das, in eine amüsante Spielhandlung mit den Komödienstars Fritz Imhoff und Lotte Lang eingebettet, die Wiederverwertung von Stoffresten und Abfällen in Wolldecken ohne Wolle (!) oder Pullover auf Fetzenbasis zeigt und die »den Aufenthalt in ungeheizten Wohnungen zum Genuss zu machen« versprechen. Gehörten Wolldecken zu den Luxusgütern, so waren Zigaretten elementares Lebensmittel und gängige Währungseinheit am Schwarzmarkt. Darauf spielt der Streifen ÖSTERREICHS BESTE MANNSCHAFT an, in dem die guten weißen Zigaretten der österreichischen Tabakregie mit Leichtigkeit die bösen Schwarzmarkt-Surrogate an die Wand spielen. Eines der ersten Werbefilmateliers der Nachkriegszeit war die von Franz Bresnikar 1947 gegründete FBN-Film, die mit ihrer Serie FANFAREN DER WERBUNG auch kleineren Firmen eine billige Werbe-Plattform bieten wollte. Filme wie: DWORAK-SCHUHE, DAS FÜHRENDE SCHUHMODENHAUS VON HERNALS oder EIN SWOBODA KÜCHENHERD IST GOLDES WERT erschienen nur in regionalen Kinos und sind heute wegen ihres schon exotischen Lokalkolorits besondere Leckerbissen.

Welt in Farben

Etwa ab Mitte der 1950er-Jahre spiegelt eine reichere Produktpalette das heraufziehende Wirtschaftswunder mit seinen konsumistischen Verheißungen wider. Besonderer Nachdruck wird dieser glücklichen neuen Welt in österreichischen Produktionen mit den Farben des Agfacolor-Verfahrens verliehen. FUNDER DEKOR-PLATTEN gehört zu den ersten Werbefilmen, die von dieser Technik profitieren.

Wohlstandsprobleme

Die Konsolidierung der wirtschaftlichen Verhältnisse ab Mitte der Fünfzigerjahre schafft Sorgen ganz neuer Art: Parkplatznot, Modetorheiten und Ufo-Hysterie. In humoriger Weise werden diese Problemchen in einer Serie von Werbefilmen für den Neuen Kurier in Form von Sketches aufgegriffen, in der die Crème de la crème der Wiener Kabarettszene auftritt: Heinz Conrads, Fritz Muliar, Maxi Böhm und natürlich Helmut Qualtinger brillieren als gesättigte Raunzer.

Avantgarde des Werbefilms

Die ab 1960 exponenziell steigende Zahl an Werbefilmen zwingen das Genre, seine Botschaften kürzer und pointierter zu verbreiten. Dabei entstehen einige herausragende Werke mit avantgardistischen Qualitäten, als deren bedeutendste Persönlichkeit Hans Albala anzusprechen ist. Typisch für sie, dass optisch-akustische Rhythmisierung eines Schlüsselbegriffs die sonst üblichen Produktanpreisungen verdrängt oder in abstrakte Formen aufgelöst werden. Ab den 1960er-Jahren wird das Fernsehen das Kino als Leitmedium verdrängen und neue Formen des Werbefilms entwickeln. Der Kinowerbefilm wird dabei stetig an Bedeutung verlieren.
Nikolaus Wostry

Freier Eintritt für Mitglieder. Anmeldung unter 2161300 112 oder reservierung@filmarchiv.at

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