"Nouvelle Vague"-Mitbegründer Jacques Rivette ist tot

Jacques Rivette, 2007, in BerlinAP/MICHAEL SOHN
Jacques Rivette, 2007, in Berlin

Jacques Rivette war einer der eigenwilligsten Regisseure Frankreichs und gehörte damit zu den radikalsten Vertretern der "Nouvelle Vague", die mit ihrem subjektiven Blick gegen das Kommerzkino mobilisierte. Entsprechend mannigfaltig fällt das Werk des am Freitag mit 87 Jahren verstorbenen, spät populär gewordenen Regisseurs aus, variieren seine Filme doch zwischen 30 Minuten und 13 Stunden.

Seine Werke schwankten meist zwischen Realität und Fiktion und waren doch stets voller ausgewiesener cinematografischer Individualität. Dies gilt auch für seine letzte Arbeit, den 2009 veröffentlichen kleinen Spielfilm "36 Ansichten des Pic Saint-Loup", einem Biopic über das Leben des Autors Raymond Roussel, mit dem Rivette zu den Filmfestspielen von Venedig geladen wurde.

Vom Filmkritiker zum Filmemacher

Geboren wurde Rivette am 1. März 1928 im nordfranzösischen Rouen. Der Apothekersohn begann seine Karriere zunächst als Filmkritiker bei der Zeitschrift Cahiers du Cinema und sammelte erste praktische Erfahrungen als Assistent bei Jean Renoir. Von 1956 an drehte er seine ersten eigenen Filme und gehörte neben den populäreren Kollegen wie Francois Truffaut, Jean-Luc Godard, Eric Rohmer und Claude Chabrol zu den Begründern der in den 50er und 60er-Jahren entstandenen Filmbewegung "Nouvelle Vague".

Seine Werke wurden allerdings zunächst eher in den Pariser Filmclubs diskutiert als vom breiten Publikum beachtet und blieben somit einem überschaubaren Kreis von Filmfreunden vorbehalten. Zwar sorgte Rivette mit ausgefallenen Filmprojekten wie dem 13-stündigen Werk "Out 1: Noli me tangere" (1970/91) immer wieder für Aufsehen. Den ersten großen Erfolg landete der Regisseur jedoch erst 1991 mit der Verfilmung von Balzacs Roman "Le chef-d'oeuvre inconnu" (Das unbekannte Meisterwerk). Auch sein vorletztes Werk, "Die Herzogin von Langeais" mit Jeanne Balibar und Guillaume Depardieu, basiert auf einer Balzac-Vorlage.

Erfolg in Cannes

Das vierstündige Epos "La Belle Noiseuse" (Die schöne Querulantin) wurde beim Filmfest in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. In den Kinos lief er in einer um die Hälfte gekürzten Fassung. Zwei Jahre später setzte Rivette der französischen Nationalheldin Jeanne d'Arc mit "Johanna, die Jungfrau" ein filmisches Denkmal. Die Kritik lobte das zweiteilige, fünfeinhalbstündige Werk wegen seines kritischen Geschichtsbildes und der herausragenden Leistung der Hauptdarstellerin Sandrine Bonnaire.

Für Rivette war das Kino eine Schule des Improvisierens, das ständig die Grenzen zur Realität verwischt. "Viele Leute glauben, dass Filme Antworten liefern müssten. Im Gegenteil: Filme sind dazu da, Fragen zu stellen, weil es keine Antworten gibt", erklärte der Regisseur einst. Jetzt ist Jacques Rivette mit 87 Jahren in Paris gestorben.

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