Michael Haneke: "Bis das Ganze dann eskaliert"

Interview mit Michael HanekeKURIER/Gilbert Novy
Interview mit Michael Haneke

Man kann sagen: Er hat sie schon alle. Alle Preise, die man als Filmemacher bekommen kann: Vom Oscar über Golden Globes bis zur Goldenen Palme von Cannes. Nun hat sich zu den rund 50 internationalen Auszeichnungen eine weitere dazugesellt: Der Globart Award, den Haneke in Krems im Rahmen eines Symposiums der Globart Academy in Krems erhalten hat.

Mit dem KURIER sprach der Oscar-Preisträger über seinen neuen Film, die Politik, die Oper und TV-Serien.

KURIER: Nicht zuletzt wegen der vielen Auszeichnungen sind Sie international berühmt. Ich kann mir vorstellen, dass auch Politiker und Parteien immer wieder an Sie herantreten, um Sie für ein Personenkomitee anzuwerben. Ist das so?

Michael Haneke: Das habe ich nie gemacht. Obwohl es bei der Bundespräsidentenwahl natürlich völlig klar ist, für wen ich bin. Jeder, der mich kennt, weiß wo ich politisch einzuordnen bin, aber ich werde nicht herumgehen und sagen: Ich, Haneke, sage euch, wen ihr wählen sollt – das ist nicht meine Aufgabe. Deshalb habe ich noch nie an einer Wahlhilfe-Aktion teilgenommen, weil ich denke, dass man das als Künstler nicht soll. Als Kulturschaffender habe ich immer ein flaues Gefühl, wenn sich Kollegen instrumentalisieren lassen – auch wenn mir die Dinge, für die sie sich instrumentalisieren lassen, sympathisch sind. Die Aufgabe der Intellektuellen und Künstler ist es, die Finger dort drauf zu legen, wo es weh tut – auch wenn es die eigenen Wunden sind.

Verfolgen Sie die Nachrichten in Zeitungen und im Fernsehen, um sich über den Zustand der Welt und auch über den Zustand Österreichs zu informieren?

Wenn ich ein paar Wochen in Frankreich bin, um an meinem Film arbeiten, und dann wieder nach Österreich komme und Zeitungen lese, dann stelle ich fest, dass sich kaum etwas verändert hat. Es herrscht eine Patt-Situation – ein Stillstand, bei dem nichts weitergeht. Offensichtlich handeln alle – bis auf die Populisten und Demagogen, denen solche Situationen ja nützten – nach dem Motto: "Uns steht die Scheiße bis zum Hals, nur nicht bewegen, nur ja keine Wellen …" Aber das ist nicht nur hier so, das ist in Frankreich genauso und es scheint leider überall so zu sein. Ich finde uns alle gesellschaftspolitisch zum Kotzen – mich eingeschlossen, denn ich bin auch viel zu interessiert, meine eigenen Sachen zu machen, um mich den Problemen unserer Zeit zu stellen. Außerdem wüsste ich gar nicht, wie diese Probleme zu lösen wären – und da geht es sicher vielen genauso wie mir.

Ihr letzter Film "Amour" und der, den Sie jetzt gerade drehen handeln vom Alter. Was ist der Grund dafür, dass Sie Ihren Fokus nicht mehr (nur) auf die Jugend, sondern auf das Alter richten?

Das hat sicher damit zu tun, dass ich keine 25 mehr bin (lacht). Aber dass ich hintereinander zwei Filme über ältere Menschen mache, ist Zufall. "Liebe" hat viel mit mir persönlich zu tun, weil sich eine ähnliche Geschichte in meiner Familie zugetragen hat. Den jetzigen Film mache ich, weil ich noch einmal mit Jean-Louis (Trintignant, Anm.) drehen wollte. Aber ich habe kein Programm. Ich sage mir nicht: So! Meine nächsten Filme handeln vom Alter!

Wie ich weiß, wollten Sie ja eigentlich einen Film über eine dicke Frau machen, aus dem dann nichts geworden ist – wieso eigentlich?

Diesen Film wollte ich in Amerika machen und habe dort auch schon nach einer geeigneten Schauspielerin gesucht. Aber es hat sich dann herausgestellt, dass es viel zu teuer gewesen wäre, den Film in den USA zu drehen. Und meine Versuche in Frankreich oder Deutschland Schauspielerinnen zu finden, die 120 Kilo wiegen und dazu noch für die Rolle, die ich für sie geschrieben habe, geeignet sind, hat sich als unmöglich herausgestellt.

Ich hatte den Eindruck, dass Sie gar nicht so gerne in Amerika arbeiten. Ziehen Sie nicht Europa vor?

Nein, ich würde gerne auch in Amerika arbeiten, aber es müsste eine Geschichte sein, die etwas mit mir zu tun hat – am besten eine, die ich selbst geschrieben habe. Mein amerikanischer Agent schickt mir alle paar Wochen Drehbücher, die ich verfilmen könnte, aber da war noch kein geeignetes dabei. Das heißt jetzt nicht, dass alle Bücher schlecht waren, aber ich kann nur etwas machen, das mich betrifft oder betroffen macht. Etwas Anderes kann ich nicht, denn ich bin eigentlich gar kein Regisseur – ich bin ein Autor.

Bei Opern ist das offenbar anders – geht Ihnen Musik mehr zu Herzen?

Die Musik ja, aber was die Opern-Libretti betrifft, geht es mir so wie mit den Drehbüchern, die ich nicht selbst geschrieben habe. Aus diesem Grund habe ich ja nur zwei Opern inszeniert, obwohl mir seither immer wieder eine Opern-Regie angeboten wird. Da Ponte hat die "Don Giovanni"-Geschichte so interpretiert, dass sie mit mir etwas zu tun hatte – und genauso war es mit "Così fan tutte". Nach diesen beiden Mozart-Opern wurde mir auch der "Figaro" angeboten, aber den habe ich auch abgelehnt. Es ist zu schwer, den "Figaro" richtig zu inszenieren. Man hat mir auch die "Aida" angeboten – aber die hat wirklich gar nichts mit mir zu tun, und es wäre einfach blöd, die Oper trotzdem zu machen! Ich halte nichts von diesem übertriebenen Regietheater und dem Zwang, einem Stück oder einer Oper immer eine neue Deutung aufzuzwingen.

Das heißt, Ihr neuer Film hat wieder viel mit Ihnen zu tun. Können Sie sagen, wovon er handelt?

Viel darf ich darüber noch nicht sagen – das wollen die Produzenten nicht. Er spielt in Calais, in einem bürgerlichen Milieu, und die Schicksale der Menschen sind von Migranten und Asyl-Suchenden betroffen – so wie wir alle betroffen sind. Bis das Ganze dann eskaliert.

Sie pendeln für Ihren neuen Film zwischen Wien und Paris. Haben Sie Angst vorm Fliegen – im Sinne von Terrorattentaten? Und ist die Angst in Paris spürbar?

Ja, diese Angst ist in Paris sehr stark zu spüren. Schon allein deshalb, weil die Hotels, die Theater, die Restaurants und auch die Kinos leer sind. Das Hotel, in dem ich immer wohne, ist leer. Die Leute haben Angst vor öffentlichen Plätzen und Veranstaltungen. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit, bei einem Terrorakt zu sterben, gering ist im Vergleich zum täglichen Straßenverkehr. Trotzdem steigen die Leute täglich ins Auto. Das heißt aber nicht, dass Terror nicht beängstigend ist. Eine Gesellschaft, die sich bedroht fühlt, verändert sich – und das nicht immer zum Besten.

Weil Sie von Veränderungen sprechen – zurück zum Film. Die Kinolandschaft hat sich auch stark verändert und das Fernsehen macht zunehmend mit hochwertigen Serien auf sich aufmerksam. Würde Sie so etwas auch interessieren?

Interessieren tut mich alles! Aber wenn man so eine Serie machen will, muss einem zuerst eine lange Geschichte einfallen, die über so eine Länge funktioniert. Das ist wie ein großer 500-Seiten-Roman. Aber eine Geschichte von irgendjemand anderem zu verfilmen, interessiert mich nicht.

Haben Sie nicht schon einmal so eine Serie geschrieben?

Ja, aber das war vor 30 Jahren und die Geschichte war irgendwie prophetisch. Es ist eine Zuspitzung unserer momentanen Gesellschaft und zugleich eine Möglichkeit, die Geschichte der Menschen – von der Steinzeit bis zur Erfindung der Technik – gegeneinander zu stellen. Inzwischen hat sich die Technik weiterentwickelt und man müsste vieles neu überdenken. Ob so eine Serie heute machbar wäre, weiß ich nicht, aber vielleicht hat jemand eine Idee …

Von Gabriele Flossmann

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