Paul Verhoeven: "Auferstehung gibt es nicht"

Paul Verhoeven in WienKURIER/Jeff Mangione
Paul Verhoeven in Wien

Paul Verhoeven ist ein Mann, dem man sein Alter nicht ansieht. Dass er 77 ist, lässt sich an seinen biografischen Eckdaten ablesen, nicht aber an seiner energischen Erscheinung. Eloquent und luzide trat der in Holland gebürtige Filmregisseur in Wien auf, wo ihm das Österreichische Filmmuseum eine Retrospektive ausrichtete (noch zu sehen bis 19. Juni).

Mit Klassikern des Blockbusterkinos wie "RoboCop" (1987), "Total Recall" (1990) und "Starship Troopers" (1997) definierte Verhoeven das Sci-Fi-Genre des US-Kinos der 80er- und 90er-Jahre neu; sein Erotikthriller "Basic Instinct" (1992) ließ die Wellen hoch schlagen. Zuletzt feierte Verhoeven mit seinem Thriller "Elle" in Cannes Triumphe. Ein Gespräch über Superhelden, Gewalt, Sex und Pornografie.

KURIER:  Sie haben mit "Elle" Ihren ersten französischen Film gedreht. Isabelle Huppert spielt darin eine Frau, die vergewaltigt wird und sich ungewöhnlich an den Täter annähert. Hätten Sie den Film auch in den USA machen können?

Paul Verhoeven: Das wäre eigentlich die Idee gewesen. Doch weder haben sich Geldgeber gefunden, noch wollte eine renommierte Schauspielerin diese Rolle übernehmen. Ich glaube, das lag am dritten Akt: Die Amerikaner erwarten, dass die Frau, wenn sie erkennt, wer der Vergewaltiger ist, Rache nimmt. Doch in "Elle" passieren unvorhergesehene Dinge – das war das Problem. Aber mich interessieren gerade diese Ambiguitäten: Denken Sie an "Total Recall" – da weiß man auch nie genau, ob man sich in der "Realität" befindet oder nicht. Oder "Basic Instinct": Bis zum Ende ist man nicht ganz sicher, ob Sharon Stone die Mörderin ist.

Apropos "Basic Instinct": In der berühmtesten Szene schlägt Sharon Stone während eines Polizeiverhörs die Beine übereinander und lässt erkennen, dass sie keine Unterwäsche trägt. Später behauptete sie, das hätte sie nicht gewusst. Stimmt das?

Das ist eine Lüge, natürlich hat sie es gewusst. Sie hat mir sogar ihre Unterwäsche als Geschenk überreicht und ich habe sie mit nach Hause genommen. Aber sie hat es eine zeitlang abgestritten, weil sie den Eindruck hatte, es habe ihrer Karriere geschadet und wäre ein Grund gewesen, warum sie nicht für den Oscar nominiert worden war. Damit mag sie Recht gehabt haben und ich verstehe ihre Frustration, denn sie war wirklich exzellent in der Rolle. Doch in gewisser Weise hat diese Szene ihre Karriere aber auch mitbegründet.

Sie verfilmten mit "Basic Instinct" ein millionenschweres Drehbuch von Joe Eszterhas. Kam die Idee von ihm?

Nein, die kam von mir. Als ich noch Student an der Universität in Leiden war, gab es eine Frau in unserem Freundeskreis. Sie war ein bisschen älter als wir und mit einem Journalisten verheiratet. Bei Partys trug sie keine Unterwäsche und setzte sich so hin, dass man zwischen ihre Beine sehen konnte. Mein Freund, der etwas kühner was als ich, ging schließlich einmal zu ihr hin und sagte: "Weißt du eigentlich, dass man deine Vagina sehen kann?" Und sie antwortete: "Na klar, weiß ich das. Deswegen mach’ ich es doch."

Diese Geschichte habe ich Sharon Stone erzählt und sie gefragt, ob wir das auch machen sollten – und sie bekam dieses diabolische Glitzern in den Augen und sagte: ja!

Sie haben in "Total Recall" mit Arnold Schwarzenegger zusammen gearbeitet, der vor alle für seine One-Liner berühmt war.

Naja, Arnold Schwarzenegger ist nicht Lauwrence Olivier, aber er hat Charisma – und er war gerade unfassbar erfolgreich mit Filmen wie "Zwillinge" mit Danny DeVito. Am Set von "Total Recall" war er der damals bestbezahlte Schauspieler aller Zeiten. Doch die Zusammenarbeit war wunderbar. Er hatte überhaupt kein Ego. Wenn man gesagt hat: "Arnold, das sieht nicht gut aus, mach’ es noch einmal" – kein Problem. Und er hat seinen Einfluss geltend gemacht, um mich gegenüber den Produzenten zu unterstützen.

Als "Total Recall" herauskam, wurde es vor allem in Hinblick auf die vielen Gewaltszenen diskutiert. Provozieren Sie gerne?

Nein, ich finde einfach, dass Gewalt wirklich gewalttätig ist. Wer Gewalt nicht brutal darstellt, ist nicht ehrlich. Das hat aber sicher auch mit meinen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu tun. Ich war mit sechs, sieben Jahre in Den Haag, als uns die Alliierten bombardierten, weil die Deutschen dort die Raketenabschussrampen für ihre V 1 und V 2 stationiert hatten. Es gab starke Bombenangriffe, die auch Zivilisten trafen, und ich sah viele Tote und schwer Verwundete. Diese Erfahrung bleibt einem. Wenn ich gewalttätige Szenen drehe, will ich diese Brutalität einbringen – auch im Sinne eines Realismus.

Sie zeigen auch Sex oft recht explizit, schon in Ihren frühen Filmen wie "Türkische Früchte".

Was Gewalt betrifft, so übt sie für mich keine positive Faszination aus. Aber Sex mag ich, und Sex ist sehr unterschiedlich – je nachdem, mit wem man zusammen ist. Ich versuche daher, wenn ich Sexszenen drehe, niemals etwas zu erfinden, sondern immer eine reale Erfahrung aus meinem Leben einfließen zu lassen. Im Sinne von: Ich würde mich so verhalten, die Frau würde sich so verhalten – und das verwende ich dann für die Szene. Wenn Sex zu fiktional wird, führt das meinem Gefühl nach schnell zur Pornografie – weil man zu fantasieren beginnt und die Grundlagen der Realität verliert. Ich muss allerdings sagen, dass ich für "Elle" nicht auf eigene Erfahrung zurückgreifen konnte, weil ich mich mit Sadomasochismus nicht auskenne. Ich habe dieses Terrain völlig Isabelle Huppert überlassen und ihrer Entscheidung, wie weit sie gehen will.

Sie wollten immer einen Jesus-Film machen; manche sehen in "RoboCop" auch eine Art Christus-Figur. Gibt’s den Plan noch?

Es gibt ein paar kleine Jesus-Verweise in "RoboCop", aber nur sehr spielerisch (lacht). Ja, ich arbeite an einem Jesus-Film, aber es gibt noch kein Drehbuch. Ich will eine Geschichte über Jesus als Mensch erzählen, über Dinge, die möglich sind. Auferstehung gibt es bei mir nicht. Der Sohn Gottes existiert nicht. Ich wünschte, es wäre wahr, aber ich kann es nicht glauben. Leider.

Sind Sie noch am derzeitigen Hollywood-Kino interessiert?

Nein. Ich habe die letzten zehn Jahre vor allem in Europa verbracht. In Hollywood läuft jetzt alles in eine Science-Fiction-Richtung, ohne innovativ zu sein. Ich habe niemals ein Sequel gedreht, und ich könnte niemals einen Film wie "Batman v Superman" machen. Mir ist auch rätselhaft, warum die Amerikaner alle so auf Superhelden fixiert sind. Was geht in ihren Köpfen vor, dass sie Helden mit übermächtigen Kräften lieben? Und was sagt es uns, wenn fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung hinter Trump steht?

 

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