Pierre Richard: Der "Große Blonde" bleibt Komödiant und wird doch melancholisch

Pierre Richard…/Privat
Pierre Richard…

Die Zeit hat sich an seinen Locken vergangen. Schnürlgrad hängt das Haar jetzt rechts und links des schmalen, verwitterten Gesichts. Aber der Blick ist auch mit bald 83 Jahren wie eh und je. Eine Mischung aus schüchtern, komisch und verschmitzt.

Ja, man kennt ihn noch.

Pierre Richard, das war der "Große Blonde mit dem schwarzen Schuh". Er war "Alfred, die Knallerbse" und "Der Tollpatsch mit dem sechsten Sinn". Mit Gérard Depardieu gab er "Zwei irre Spaßvögel" und war "Der Hornochse".

Pierre Richard spielte in den 1970er Jahren in Erfolgskomödien, denen die deutschen Verleihtitel schon vorweg das Etikett "Kassenschlager" aufklebten. Sein Markenzeichen: Patscherte Anti-Helden, die unverschuldet in die Bredouille geraten.

Rund vierzig Jahre später ist Pierre Richard nicht mehr besonders groß, das Blond ist grau geworden, und die Locken sind nach einer Operation nicht mehr nachgewachsen. Seine blauen Augen aber sind schelmisch geblieben.

Turnschuh & Galaoutfit

Die Franzosen nennen Pierre Richard gerne den "poetischen Komödianten". Das klingt freundlicher, als es ist. Denn die großen Kinoschlager haben ihm seine Landsleute erst spät verziehen. Als wäre kommerzieller Erfolg nicht mit Schauspielkunst vereinbar. "In Frankreich zählst du nicht so viel als Komödiant", wird Pierre Richard später erzählen. "Dabei ist es viel schwieriger, die Leute zum Lachen als zum Weinen zu bringen."

Als er 2006 mit dem "César d'Honneur", dem wichtigsten französischen Filmpreis, endlich jene Anerkennung bekam, die ihm zusteht, trug Pierre Richard Turnschuhe zum Gala-Outfit. "Ich habe mich sehr über die Auszeichnung gefreut. Aber mit dieser Geste wollte den Leuten zeigen: ,Ich weiß, dass ich keiner von euch bin.’"

Verbittert wirkt er dabei keineswegs. Pierre Richard strahlt eine leise Fröhlichkeit aus, blickt einen mit einer Mischung aus Schalk und Sanftmut an. Gut, könnte man sagen, auf einem Weingut in Südfrankreich lässt es sich leicht sanft sein. Pierre Richard verbringt hier in Gruissan in der Nähe von Montpellier viel Zeit mit seiner Familie. Als der KURIER zum Interview über den neuen Film (Monisuer Pierre geht online) geladen ist, planscht gerade eines der fünf (erwachsenen) Enkelkinder im Pool.

Kein Traktorfahrer

Eine lange, staubige Straße führt aus dem kleinen Ort Gruissan zum "Château bel évêque", wo Pierre Richard und seine Schwester Véronique seit Mitte der 1980er Jahre Rebsorten wie Grenache, Syrah und Mourvèdre anbauen. Die Arbeit im Weingarten erledigt seine Schwester, gibt Richard zu. Der Traktor liege ihm nicht. Er mache höchstens ein bisschen Werbung, meint er bescheiden. Das macht er gut: Den Weg zum Weingut finden immer wieder auch Fans und Touristen. Wer hier Wein kauft, hofft auch auf ein Autogramm.

Von einem " Château ", also einem Schloss, hat das blau-weiße Haus am Rande des 20 Hektar großen Weingartens nicht viel. Wenn die ganze Familie hier ist – die Enkel kommen mit Freundinnen und Freunden – reicht der Platz im Haus nicht aus, dann wird in Wohnwägen ausgewichen.

Unprätentiös ist es hier. Pierre Richard trägt Jeans und T-Shirt und hat eine selbstgewuzelte, nicht angezündete Zigarette im Mundwinkel, die er im Lauf des Gesprächs in der Hand halten und immer wieder in den Mund stecken wird. (Seine Frau sagt, er soll nicht so viel rauchen.) Er bietet Bier an, Saft, vielleicht ein Glas Rosé? (Ja, gerne). Schmunzelnd erklärt er den aus Wien angereisten Gast ob des langen Weges für verrückt.

Die Bauern aus der Gegend, die zwischendurch auf ein Schwätzchen vorbeikommen, werden an diesem Nachmittag auf später vertröstet.

Pierre Richard ist ein bisschen erschöpft. Er kommt gerade aus Schanghai, wo er einen Kinofilm mit Sophie Marceau gedreht hat. Den Bart hat er sich dafür abrasiert, das war praktischer, schließlich hat er darin einen als Frau verkleideten Mann gespielt. Er dreht fast jedes Jahr einen Film, zuletzt "Monsieur Pierre geht online", die Geschichte eines einsamen, vor sich hin grantelnden Witwers, der widerwillig mit dem Internet Bekanntschaft schließt. Bärtig, mit langem, weißen Haar und Mittelscheitel, erinnert Pierre Richard in dieser Rolle an Michael Haneke. Darauf angesprochen, lacht er und sagt: "Ja, das hab ich mir auch gedacht. Toller Regisseur, mit ihm würde ich gerne drehen." Man weiß nicht, ob er das ernst meint.

Mit dem Film-Pierre teilt Pierre Richard mehr als nur den Vornamen. Auch er kann Computer nicht leiden. Und sonst? Vielleicht die Melancholie. "Ja, ich werde melancholisch, wenn ich an früher denke, aber nicht, weil es früher besser war, sondern weil es vorbei ist."

KURIER: In Ihrem neuen Film spielen Sie einen einsamen alten Mann, der mit Computern nichts anfangen kann. Eigentlich ist das nicht lustig, trotzdem schmunzelt man über Sie.

Pierre Richard: Arme Teufel waren immer schon meine Spezialität. Ich habe meistens arbeitslose, ungeschickte, einsame Kerle gespielt, denen ständig etwas zustößt. Das Publikum fand das umwerfend komisch.

Sie sind im deutschen Sprachraum vor allem durch Filme wie "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh" bekannt. Können Sie damit heute noch etwas anfangen?

Ja. Ich denke oft und gerne an diese Zeit. Ich musste mir für den Film übrigens die Haare färben und natürlich Geige lernen. Meine Filmpartnerin, Mireille Darc, die damals mit Alain Delon zusammen war, war zauberhaft.

Sie haben in Frankreich spät Anerkennung der Kritik bekommen. Wäre das anderes gewesen, wenn Sie mehr Theater gespielt hätten?

Ich finde Theater langweilig. Hin und wieder bin ich bei Lesungen dabei, ich mag Lyrik sehr. Aber das Problem am Theater ist, dass du monatelang dasselbe machst, ständig dieselben Gesichter vor Augen. Film bietet viel mehr Abwechslung. Meine Filme waren oft große Kassenschlager, das hat die Kritiker skeptisch gemacht. Ein Komödiant zählt nicht so viel, dabei ist es paradox: ich habe ja oft Menschen gespielt, deren Schicksal ziemlich traurig ist.

 

Wann haben Sie gewusst, dass Sie Schauspieler werden möchten?

Ursprünglich wollte ich Tarzan werden. Aber als ich Danny Kaye zum ersten Mal gesehen habe, da wusste ich: Das ist es! Ich war kaum 16, statt in die Schule, ging ich  lieber ins Kino. Dort saß ich immer in der letzten Reihe, ich komme schließlich aus einer Kleinstadt, wo jeder jeden kennt. Mein Vater war ja ein sehr konservativer Mann, ein Industrieller, der meinte, ich solle etwas Anständiges lernen. Doch ich nahm mir meine Freiheiten. Als ich Danny Kaye zum ersten Mal sah, wie er tanzen, singen, spielen, die Leute zum Lachen bringen konnte, da wusste ich, was ich werden will. Es war wie Liebe auf den ersten Blick, wenn du dir sagst: ,Das ist die Frau meines Lebens.’ Als ich Danny Kaye entdeckte, sagte ich mir: ,Das ist der Beruf meines Lebens!’ Später hab ich seine Tochter in New York kennengelernt. Sie kam nach einer Filmpremiere auf mich zu und sagte: ,Sie erinnern mich so an meinen Vater.’ Ich hatte keine Ahnung, wer sie war. Als mein Kollege mich aufklärte, war ich ganz aus dem Häuschen. Ich lief ihr nach und sagte: ,Ich habe Ihrem Vater meine Karriere zu verdanken’.

Haben Ihre Eltern Ihre Karriere verfolgt?

Meine Mutter, ja, sie war sehr stolz auf mich. Mein Vater weniger. Meine Eltern waren geschieden, vielleicht hat sie meine Berufswahl ja auch nur deshalb begrüßt, weil er dagegen war. Dazu kommt: Meine Mutter war nicht so konservativ wie er. Ihr Vater war ein Einwanderer aus Italien, der zu Fuß von Ancona in den Norden Frankreichs gekommen war.

Die Lebensentscheidungen der eigenen Kinder zu akzeptieren, fällt vielen Eltern nicht leicht. Ihre Söhne sind Musiker, einer Ihrer Enkel möchte Schauspieler werden. Was halten Sie davon?

Er ist ein fescher Kerl, arbeitet als Model. Glücklicherweise weiß er, dass das nicht reicht. Er hat auch Talent. Hätte er das nicht, würde ich es ihm sagen.

Vor einigen Tagen ist Ihr Weggefährte Claude Rich gestorben, mit dem Sie zuletzt 2011 den Film "Und wenn wir alle zusammenziehen?" gedreht haben. Haben Sie viele Freunde aus dem Filmgeschäft?

"Und wenn wir alle zusammenziehen?" ist ein Film über das Altwerden, übrigens vom selben Regisseur, Stéphane Robelin, der auch "Monsieur Pierre geht online" gemacht hat. Ich mag Stéphanes Arbeit sehr – mit ein Grund, warum ich jetzt wieder mit ihm gedreht habe. Und außerdem hat mich das Drehbuch sehr bewegt, weil es die Geschichte eines Mannes erzählt, der seit dem Tod seiner geliebten Frau mit der Welt da draußen nicht mehr zurechtkommt. Ich habe eine Schwäche für solche Typen. Zu Ihrer Frage: Viele meiner alten Freunde und Kollegen sind tot. Freunde wie Bernard Blier, den ich ganz besonders vermisse.

Mit Gérard Depardieu haben Sie mehrere Filme gedreht und Sie teilen eine gemeinsame Leidenschaft – den Wein. Sehen Sie ihn noch?

Selten. Er ist jemand, den man nicht nach gewöhnlichen Maßstäben beurteilen kann. Ich mag ihn sehr, aber leider haben wir wenig Zeit, er ist viel unterwegs und ich drehe ja auch ständig. Demnächst wieder mit Dany Boon und im Herbst mit Eddy Mitchell. Wenn ich so drüber nachdenke: Ich hab einfach zu wenig Urlaub!

 

Sie haben selbst auch Regie geführt und waren als Produzent tätig.

Ja, viele Dinge in meinem Leben sind so auf mich zugekommen, und dann hab ich sie einfach gemacht.

Unter anderem einen Dokumentarfilm über Che Guevara ...

Faszinierende Persönlichkeit.

Apropos Politik: Sie kennen den ehemaligen französischen Präsidenten François Hollande privat?

Ja, über seine Lebensgefährtin Julie Gayet, eine gute Freundin von mir. Eines Tages fragte sie mich, ob sie ihren Freund zum Essen mitbringen dürfe. Ich sagte ,Klar!’, ich hatte keine Ahnung, wer da kommen würde.

Was halten Sie von ihm?

Netter Kerl, sympathisch.

Wie finden Sie den neuen Präsidenten? Dürfte Emmanuel Macron Sie auch besuchen?

Warum nicht. Aber man kann jetzt, nach so kurzer Zeit, noch nicht viel über ihn sagen.

Wer dürfte definitiv nicht kommen?

Le Pen.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Meine Kinder. Darüber hinaus glaube ich: Sich selbst sollte man nicht so wichtig nehmen. Und wenn Sie mich jetzt fragen würden: Was ist für die Ewigkeit? Dann würde ich sagen: Vielleicht die Poesie.

 

 

 

Als Kind wollte er Tarzan werden. Nachdem er Danny Kay im Kino gesehen hatte,  sattelte er  auf Schauspiel um:  Pierre Richard, eigentlich Pierre Richard Maurice Charles Léopold Defays (* 16.8. 1934 in Valenciennes) gelang 1972 der internationale Durchbruch.

Als „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ war er zum ersten Mal der  zerstreute Tollpatsch, der zur  Rolle seines Lebens wurde und die er nie ablegen konnte. Filme, in denen er es versuchte, floppten meist. Pierre Richard ist verheiratet, hat zwei Söhne und fünf Enkelkinder und betreibt ein Weingut in Gruissan.

 

Ab 11. August im Kino. Moderne Cyrano de Bergerac-Geschichte (der eine schreibt, der andere küsst) trifft elegische Alterskomödie: Pierre (Pierre Richard) ist ein einsamer, bärbeißiger Witwer, der am liebsten seine Ruhe hat. Er gammelt vor sich hin, ernährt sich von Dosenravioli und trägt immer denselben  Pulli.  Einziges Interesse: Super-8-Filme, die ihn an seine verstorbene Frau erinnern. Um ihn zurück ins Leben zu holen, verkuppelt ihn seine Tochter Sylvie  mit Alex, einem erfolglosen Schriftsteller, der ihn  mit der Welt des Internets vertraut machen soll. Dort  stolpert Pierre  über ein Datingportal und bezirzt eine junge Frau mit romantischen Briefen. Das unmögliche Rendez-Vous bleibt nicht zu vermeiden.

Monsieur Pierre geht online ist der dritte Spielfim von Regisseur Stéphane Robelin, der hier auch das Drehbuch schrieb. Wie in seinem zweiten Film „Und wenn wir alle zusammenziehen“ mit  Jane Fonda, Pierre Richard und Geraldine Chaplin  tariert er behutsam die Möglichkeiten  zwischen Komödie und Melancholie des Alters aus.  Pierre Richard glänzt als liebenswürdiger Grantscherm.

Monsieur Pierre geht online

Monsieur Pierre geht online

F/D/B 2017

Un profil pour deux

Romanze, Komödie
11.08.2017
Stéphane Robelin
Pierre Richard entdeckt als rüstiger Rentner ein Datingportal; weil er sich aber für seinen jüngeren Internethelfer ausgegeben hat, muss der zum verabredeten Treffen gehen.
6.50

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