Proletarisches Kino: Programm 02 - Kampf 2

 
Kurzfilm 
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Der Kampf geht weiter. Er vermittelt zwischen zwei Ebenen: dem großen Gang der Geschichte und den Erfahrungen, die der Einzelne darin macht. Und das Kino ist für beides zuständig, für die objektiven Bilder der Ereignisse wie für die emotionalen Umarbeitungen des Geschehenen. Kein Ereignis der Ersten Republik macht dies so deutlich, wie die Bilder vom 15. Juli 1927, dem Tag, an dem der Justizpalast weithin sichtbar brannte. Die Filmaufnahmen beginnen spät. Der Dachstuhl des Gebäudes steht bereits in Flammen. Die Zwischentitel bemühen sich um einen objektiven Tonfall, berichten chronologisch vom Hergang der Ereignisse. Doch die Schüsse in die Menge, die Toten, die am Platz liegen bleiben, die Fliehenden, die keine Hilfe leisten können, zeigen das Unfassbare dieses Ereignisses, machen die tiefen Risse begreifbar, von denen sich die Erste Republik nicht mehr erholen wird (Der Brand des Justizpalastes in Wien; Wien am 15. und 16. Juli 1927). Kampfplatz bleibt weithin der öffentliche Raum, die Straße, wie Der 7. Oktober in aller Brisanz dokumentiert. Am 7. Oktober 1928 - sechs Jahre nach Mussolinis «Marsch auf Rom» - marschierten die faschistischen Heimwehren in der sozialdemokratischen Hochburg Wiener Neustadt auf. Die Gegner eines kommenden Bürgerkrieges standen einander hier gegenüber. Der sowjetische Filmbericht über die Ereignisse des 7. Oktober 1928 in Wiener Neustadt, Sovkino Journal Nr. 51/160, ist aus ähnlichen Aufnahmen von Marschierenden, Parteiführern und Sicherheitskräften montiert wie das Material der Gustav Mayer-Film Der 7. Oktober. Auch die Aufnahmen der sowjetischen Kameraleute zeigen die Bundesheersoldaten und ihre schwere Bewaffnung, in einer Einstellung vor einem Kino. Differenzen zwischen den beiden Filmberichten schafft der Text. So ist über die SDAP zu lesen: «Sozial-Kompromissler überlassen den Weg den Faschisten.» Doch auch auf den Leinwänden selbst wird um Stimmen gekämpft. Film wird zusehends als Propagandamittel im Wahlkampf eingesetzt. Bürgermeister Seitz spricht ist ein Mahnruf, bei den Nationalratswahlen im November 1930 wählen zu gehen. Die Abenteuer des Herrn Antimarx, ein Animationsfilm, der im Auftrag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei für die Nationalratswahl am 9. November 1930 hergestellt wurde, ironisiert die Machinationen des politischen Gegners, «verulkt» den antimarxistischen Spießer und nimmt das Gebaren der Heimwehr aufs Korn. Als Abschluss des Programms wird die europaweit wichtigste Filmquelle zur Frauenarbeit in den 30er Jahren gezeigt: Frauenleben - Frauenlos. Der Film widmet sich dem Alltag einer Arbeiterin. Gehetzt von Wecker und Stechuhr, bestimmt über den Takt der Maschinen in der Fabrik, gefordert in der Kindererziehung, eingespannt in die Hausarbeit bis tief in die Nacht wird sie von ihren vielfältigen Aufgaben zerrissen. Frauenleben - Frauenlos appelliert, Vereinzelung zu überwinden, und mündet in die Aufforderung, der Gewerkschaft beizutreten. Der Brand des Justizpalastes in Wien (Ö 1927) Wien am 15. und 16. Juli 1927 (Ö 1927) Die Wiener Arbeiterschaft im Wahlkampf (Ö 1927) Die große Demonstration der Wiener Arbeiterschaft am 12. November 1927 (Ö 1927) Der 7. Oktober (Ö 1928) Sovkino Journal Nr. 51/160 (UdSSR 1928) Internationaler kommunistischer Demonstrationstag am 6. März 1930. Die Wiener Kundgebung (Ö1930) Sojuskino Journal Nr. 34/444 (UdSSR 1932) Bürgermeister Seitz spricht (Ö 1930) Die Abenteuer des Herrn Antimarx (Ö 1930) Frauenleben - Frauenlos. Ein Film vom Leben arbeitender Frauen (Ö 1931) 108 Minuten

(Text: Viennale 2007)

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