Proletarisches Kino: Programm 07 - Festkultur

 
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Das Konzept des «neuen Menschen» war in der Zwischenkriegszeit umfassend. Kein Lebensbereich von Arbeiterinnen und Arbeitern sollte der Beeinflussungssphäre des politischen Gegners überlassen werden. So fielen in den Bereich sozialistischer Kulturorganisationen die Arbeiterbildung, die Kindererziehung, Kunst, Musik, Sport und die «proletarische Geselligkeit», d. h. alle Formen von Festkultur. Mit der traditionellen, eher auf Anarchie, Ausschweifung und Exzess angelegten Festpraxis der Arbeiterschaft hatten die Parteiverantwortlichen allerdings wenig im Sinn. Im Verständnis der sozialdemokratischen Bildungs- und Kulturpolitik waren Feste verbunden mit Bildung und Erziehung, auch mit Weihe, später mit Agitation und Propaganda. «Das Arbeiterfest, wie es die sozialdemokratische Theorie forderte, war kein 'Fest'der Ausgelassenheit, sondern eine 'Feier' der Aneignung kultureller Werte seitens der Arbeiterklasse, die von diesen ausgeschlossen war. Die Feier war Mittel, die Masse der Mitglieder zu erbauen und aufzurichten, oder hatte einen ausgesprochenen politischen Zweck, wenn sie 'Feier des Kampfes' hieß.» (Béla Rásky) Kameras waren beim anarchischen Zweig der Feste kaum zugegen. Die Aufzeichnung von Festen war eher ein Anliegen der Parteikader, die damit ihrer Interpretation von Feier Geltung und Verbreitung verschaffen konnten. Der Einstieg in dieses Programm erfolgt mit einem Film zum Volksfest des Republikanischen Schutzbundes 1925, der noch beide Formen des Feierns präsent hält. Ordnung und Ausgelassenheit gehen ineinander über. Am Wilhelminenberg finden sich bis zu 30.000 Menschen ein. Tausende tanzen, schauen Sportvorführungen zu, prosten dem Bezirksvorsitzenden, der in der Gruppe untergeht, trunken zu. Feiert die Arbeiterschaft 1928 Zehn Jahre Republik, steht der Selbstausweis politischer Stärke im Vordergrund. Denkmäler werden enthüllt und der Bau des Wiener Stadions angezeigt. 1929 verbindet ein Fest Disziplin und Massengefühl: Vom 12. bis 14. Juli findet Das zweite internationale sozialistische Jugendtreffen in Wien statt. Sportfeste, Wettkämpfe, Zeltlager, Gespräche. Den Höhepunkt des Treffens der 50.000 Jugendlichen bilden ein Sternenmarsch auf den Rathausplatz und das gemeinsame Fest. Die Chiffren des Aufbruchs finden hier zusammen: die trainierten Körper, das Völkerverbindende, die Fahnenvielfalt, das Gemeinschaftserleben, die fließenden Grenzen zwischen Elite und Basis, der Glaube an die eigene Kraft, das Greifbare der Zukunft. Im Mai 1932 wird das Wiener Stadion Schauplatz eines weihevollen Massenspiels, Maifestspiele 1932 im Wiener Stadion veranstaltet vom ASKÖ. Die Jahrhunderte währende Unterdrückung der Arbeiterschaft und ihre geduldig erwartete Erlösung werden in festlichen Tableaus inszeniert. Am Ende marschieren die Arbeiter, wehen die Fahnen: «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit». Das dritte Volksfest des republikanischen Schutzbundes der Ortsgruppe XVI. Auf der Ruinenwiese beim Schloss Wilhelminenberg (Ö 1925) Produktion Industrie-Film, Wien 35mm/stumm/dt. Zwischentitel/SW Jugendwandertreffen der Wiener gewerblichen Fortbildungsschulen auf der Hohen Wand 3. Juli 1927 (Ö 1927) 35mm/stumm/dt. Zwischentitel/SW Zehn Jahre Republik (Ö 1928) Produktion Allianz-Film, Wien 35mm/stumm/dt. Zwischentitel/SW Die Republikfeier in Wien (Ö 1929) 16mm/stumm/dt. Zwischentitel/SW Das zweite internationale sozialistische Jugendtreffen in Wien, 12. bis 14. Juli 1929 (Ö 1929) Produktion Zentralstelle für das Bildungswesen 35mm/stumm/SW Der Gewerbe-Festzug (Ö 1929) Produktion vermutlich Adi Mayer-Film 35mm/stumm/SW Maifestspiele 1932 im Wiener Stadion veranstaltet vom ASKÖ (Ö 1932) Regie Stefan Hock Kamera Brüder Mayer 35mm/Ton/SW 78 Minuten

(Text: Viennale 2007)

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