Filmkritiken
10/13/2015

SEHR AGILE HALBLEICHEN

Die Farbe Rot lässt dem „Hellboy“ Regisseur Guillermo del Toro offensichtlich keine Ruhe: in seinem neuen Film ist sie jedenfalls allgegenwärtig. Der Hauptschauplatz - ein verkommenes Anwesen in Cumberland - ist von roter lehmhaltiger Erde umgeben, aber sogar zwischen den Dielenbrettern oder aus den Wänden quillt die rote Sauce hervor; und zu allem Überfluss gehen in dem desolaten Gemäuer dann auch noch rotfarbige Skelettgeister um. Welcher normaldenkende Mensch würde überhaupt nur einen Fuß in das vermoderte Spukschloss setzen, dessen Eingangshalle von Schneehaufen bedeckt ist, weil das Dach so große Lücken aufweist? Die junge Edith tut genau das und wählt nach ihrer Heirat das unwirtliche Haus sogar als Wohnsitz.

Bei der Inszenierung seines pseudo-viktorianischen Schauermärchens trägt Del Toro so dick auf und schwelgt in derart übertriebenen Effekten, dass sich beim besten Willen keine Gänsehaut einstellen will, sondern höchstens Ärger über die verpasste Chance, die guten Darsteller wirklich sinnvoll einzusetzen. Tom Hiddleston und Jessica Chastain spielen ein Geschwisterpaar, bei dem man von vornherein ahnt, dass da etwas nicht stimmen kann; und Mia Wasikowska wird als unschuldsvolles Mädchen mit schriftstellerischen Ambitionen zum potentiellen Opfer der beiden.

Stilistisch hat sich Del Toro eindeutig an Werken des Regisseurs Mario Bava orientiert: dieser Meister des ästhetisch reizvollen Schauerkinos verstand es wie kein Zweiter, seine Sets in überirdische Lichter zu tauchen; er gilt obendrein als Erfinder der ‚Giallo‘ genannten italienischen Spielart des harten Slasher-Krimis (und wurde somit zum Lehrmeister eines Dario Argento). Unverzichtbarer Bestandteil vieler Gialli ist das Auftreten eines Mörders mit schwarzen Handschuhen und auch hier streift sich der Bösewicht einen solchen Handschutz über, um ein äußerst brutales Verbrechen auszuführen. Unter Bevorzugung von Stichwaffen schwelgt Del Toro überhaupt in exzessiver Gewalt: vermutlich hält er solche Aggressionsausbrüche für einen reizvollen Kontrast zur Zugeknöpftheit der Epoche um 1900 – sie haben aber nur etwas gewollt Schockierendes an sich und verfehlen dadurch ihre Wirkung völlig.

Abgesehen von den roten Skelettgeistern tritt auch eine Frau in Schwarz mehrfach in Erscheinung. Das war ein grober Fehler, denn so werden wir an einen anderen zeitgemäßen Horrorfilm erinnert, der zwar auch im viktorianischen England spielt, aber einen wesentlich besseren Retro-Grusel bieten kann. Del Toro hätte „Crimson Peak“ eher als Parodie im Sinne von „Pride and Pejudice and Zombies“ aufziehen sollen, dann wäre der Film vielleicht noch zu retten gewesen – so versinkt er immer mehr in unfreiwilliger Komik, vor allem, wenn zuletzt in fast jeder Schlossecke eine andere mit Wunden übersäte Halbleiche herumliegt; aber trotzdem sind dann zumindest zwei der Blessierten noch so fit, sich ein blutiges Duell im Schnee zu liefern. 5 von 10 rotgefleckten Hieb- + Stichwaffen.

Die junge Autorin Edith Cushing findet heraus, dass ihr charmanter neuer Ehemann nicht der ist, für den er sich ausgibt.