Stefan Ruzowitzky: "Ich groove mich immer mehr ein"

Die Hölle/Petro Domenigg
Die Hölle

In einer Straße in Wien-Penzing parken Arbeitsbühnen am Gehsteig, Scheinwerfer leuchten eine Wohnung im ersten Stock aus und Dutzende Kabel liegen kreuz und quer in der Gegend herum. Während sich vor dem Haus Schaulustige nach dem Grund für das alles erkundigen, bedient der ROMY-Nominierte Tobias Moretti im begrünten Innenhof entspannt die Kaffeemaschine und wartet auf seinen nächsten Einsatz. "Fünf Minuten noch", informiert ein Mitarbeiter des Produktionsteams die Filmcrew.

Willkommen am Set von "Die Hölle", dem neuen Projekt von Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky. 40 Drehtage in Wien und München sind für den Thriller (Drehbuch: Martin Ambrosch) mit Tobias Moretti als Polizist Christian Steiner, Violetta Schurawlow als türkisch-stämmige Taxifahrerin und Thaiboxerin Özge sowie Robert Palfrader und Friedrich von Thun in Nebenrollen, veranschlagt. Anfang 2017 kommt "Die Hölle" ins Kino.

KURIER: Herr Ruzowitzky, Sie drehen gerade den "schnellsten und härtesten österreichischen Actionfilm aller Zeiten". Behauptet zumindest Ihr Presseheft. Versprechen Sie dem Publikum nicht ein bisschen viel?

Stefan Ruzowitzky: (lacht) Solche Superlative lieben die PR-Abteilungen. Aber der Anspruch ist, dass es ein sehr schneller und harter Film werden soll. Wobei das Wort "hart" ja viel bedeuten kann. Ulrich-Seidl- oder Michael- Haneke-Filme haben nämlich auf ihre spezielle Art und Weise auch viel Härte anzubieten.

Erzeugen Sie die Schnelligkeit über den Schnitt?

Diese Schnelligkeit funktioniert natürlich auch über den Schnitt. Aber grundsätzlich ist das eine Sache der Inszenierung. Man kann Dialoge Kaugummi-mäßig in die Länge ziehen, oder das Ganze flotter angehen – und mit Halbsätzen arbeiten.

Österreich ist nicht gerade für seine Actionfilme bekannt.

Das klingt vielleicht jetzt ein bisschen missionarisch: Ich mache gerne Filme, die einerseits intelligent sind, etwas über unsere Welt erzählen. Und andererseits ein breites Publikum ansprechen. Action ist da ein probates Mittel, Filme visuell attraktiv zu machen. Solche Filme hat man in Europa lange Zeit dummerweise den Amerikanern und Hollywood überlassen. In Europa können wir das aber genauso gut.

Sie wechseln häufig das Genre. Warum?

Die Abwechslung macht mir einfach Spaß. Nach einem brutalen und schnellen Thriller in der Jetztzeit sehnt man sich wieder nach einem ruhigeren historischen Film mit alten Burgen – und umgekehrt. Aber ich groove mich immer mehr ein – einen Kinderfilm ("Hexe Lilli – Der Drache und das magische Buch", Anm.) muss ich zum Beispiel nicht mehr machen.

Wie viel Budget steht zur Verfügung?

Fünf Millionen. Für österreichische Verhältnisse ist das ein großes Budget – international gesehen nicht. Aber hierzulande kann man um dieses Geld mehr machen als zum Beispiel in den USA.

Verfolgen Sie bei den Dreharbeiten einen strikten Plan?

Ich fertige bei all meinen Filmen Storyboards an. Bei Ensembleszenen, Dialogen macht es aber keinen Sinn, sich stur daran zu halten, denn da muss man den Schauspielern viel Freiraum lassen. Im Zusammenspiel ergeben sich Dynamiken, die man nicht vorhersehen kann. Es ist immer eine Mischung aus sehr genauer Vorbereitung sowie einer gewissen Flexibilität und Offenheit gegenüber Vorschlägen von Schauspielern.

Sie sind also doch kein Diktator am Set, wie Sie das kürzlich in einem Interview gesagt haben.

(lacht) Nein, ich bin kein Choleriker, brülle nicht den ganzen Tag herum und spiele den Diktator. Aber manchmal muss man eben ein Machtwort sprechen, um das alles organisatorisch durchziehen zu können. Klar hört man auch auf die qualifizierten Meinungen der Mitarbeiter, aber trotzdem muss man sich manchmal das Recht herausnehmen und sagen: "Ende der Diskussion. Jetzt entscheide ich!"

Es wird des Öfteren ein Schäferhund an der Seite von Tobias Moretti bzw. seinem Vater, gespielt von Friedrich von Thun, zu sehen sein. Das löst Bilder im Kopf aus, Stichwort: "Kommissar Rex". Hätte man nicht eine andere Rasse nehmen können?

Für diesen Film musste es unbedingt ein alter Hund sein. Und dieser Hund ist so alt, dass sich der Tiertrainer von Anfang an nicht sicher war, ob er die Dreharbeiten überlebt. Im Falle des Falles würde man eben Ersatz brauchen – was bei einem Schäferhund einfacher ist als bei einer anderen Rasse. Tobias Moretti geht damit übrigens relativ locker um – nur Fotos mit ihm und dem Schäferhund wird es keine geben.

Konnten Sie in Wien alle Stunts bei den Dreharbeiten problemlos durchführen?

Die Stadt Wien war wirklich sehr kooperativ. Da es jetzt auch die Vienna Film Commission gibt, eine zentrale Service- und Anlaufstelle für Dreharbeiten in Wien, sind einige Angelegenheiten einfacher geworden. Wir konnten spektakuläre Autoverfolgungsjagden umsetzen.

Kommentare