Todd Haynes über Hochglanz-Lovestory "Carol"

Cate BlanchettAP/Wilson Webb
Cate Blanchett

Er ist der Meister der prägnanten Ausgestaltung früherer Epochen: In "Far From Heaven" ließ Todd Haynes die Fassade einer amerikanischen Musterfamilie der 1950er-Jahre zerbrechen, in "I’m Not There" näherte er sich kaleidoskopartig der Person Bob Dylan an. Nun kehrt der US-Regisseur mit einer Literaturverfilmung zurück in die gar nicht swingenden Fifties – er adaptierte "Price of Salt", einen Roman von Patricia Highsmith über eine verbotene Liebe zwischen zwei Frauen, fürs Kino. Eine wunderschöne, komplizierte Liebesgeschichte, für die sich Haynes zwei Superstars holte: Cate Blanchett spielt die reiche Carol, Rooney Mara ihr Love Interest.

KURIER: Die 50er-Jahre üben auf Sie einen besonderen Reiz aus. Ist für Sie diese Zeit der strengen Konventionen der ideale Kontrapunkt zu Ihren Charakteren, die gerne aus der Reihe tanzen?

Todd Haynes: Das Setting des Films in den Fifties ist sicher eine Provokation, wenn man über die Gefühle gleichgeschlechtlich Liebender erzählen will. Obwohl sich, das muss ich schon sagen, die frühen Fifties ganz klar von den späteren der Eisenhower-Ära unterschieden, wo es wirklich restriktiv zuging. Da herrschte diese Vorstadt- und Familienidylle vor, die geradezu unheimlich erschien. Ich aber mag eher diese Atmosphäre der ausklingenden 40er- und beginnenden 50er-Jahre. Da war alles im Fluss, alle waren unsicher, verletzlich, nicht so gesetzt. Alles schien im Aufbruch. An diese Attribute denkt man nicht primär bei den Fifties. Aber natürlich hat jede Zeit auch ihre unterdrückten Gefühle. Dinge, die verboten sind. Über die man nicht reden darf.

Die Finanzierung von "Carol" gestaltete sich trotz der erstklassigen Besetzung und Ihres guten Rufs schwierig. Worauf führen Sie das zurück? Dramen mit historischem Hintergrund sind immer schwer zu finanzieren. Meine Freundin Kelly Reichhardt (eine erfolgreiche US-Independent-Regisseurin und Drehbuchautorin, Anm.), deren letzte Filme ich mitproduziert habe, kann ein Lied von diesen Kämpfen singen. Ihre Filme haben maximal ein Budget von ein bis zwei Millionen Dollar. Damit muss sie auskommen, mehr ist nicht drin. Zum Vergleich: Wir hatten schlussendlich für "Carol" ein Budget von zwölf Millionen Dollar, und auch das ist nicht viel.

Fakt ist: Die Leute wollen nicht mehr die kunst- und liebevoll gestrickten Dramen, sondern die Blockbuster sehen. Riesige Spektakel, die man auch noch online vermarkten kann. Die kleineren Filme gehen unter.

Dann ist der Erfolg eines Arthouse-Juwels wie "Carol" ja fast erstaunlich.

Durchaus. Es ist schön zu sehen, wie durch intensive kreative Arbeit und dem fantastischen Input aller Beteiligten etwas Außergewöhnliches entsteht. Wie Stars geradezu darauf warten, dass sie gefordert werden, dass einer alles aus ihnen herausholt. Nehmen Sie Richard Gere, der einer der Ersten war, der bei "I’m Not There" mitmachen wollte. Er wollte kaum Geld, aber unbedingt dabei sein, weil ihn das Projekt faszinierte. Er hat dann auch die anderen Stars wie Cate für winzige Gagen angelockt. Das war ein großes und berührendes Bekenntnis zu meiner Arbeit.

Kann ein Film über Frauenliebe wie "Carol" heute noch aufregen?

Naja, es gibt schon noch Länder, wo Filme wie dieser eine Provokation darstellen. "Carol" wird nicht in Russland, China oder Indien laufen. Aber die Leute, die sich für die Story und den Film interessieren, werden ihn illegal ansehen. Das kannst du heute nicht mehr verhindern.

Aber es gibt für mich auch keinen Grund, warum irgendjemand den Film nicht mögen sollte. In "Carol" geht es nicht primär um Frau liebt Frau, um Gefühle, die verboten sind. Es geht um diesen magischen Moment des Sich-Verliebens. Diesen Moment, wo einer dem anderen verfällt, ungeachtet des Geschlechts. Das Sich-Verlieben als seltsamer, pathologischer, verrückter Moment, der das Leben auf den Kopf stellt. Wo man sich fragt: Fühlt der andere auch so wie ich? Erwidert er meinen Blick? Meinen inneren Sturm? Erst lange danach kommt die Frage nach der sexuellen Orientierung.

Patricia Highsmiths Roman "Price of Salt" war im Jahr 1990, als er erschien, ein Schlüsselroman für Lesben. Kannten Sie ihn schon damals?

Nein, ich kannte den Roman nicht, was meine lesbischen Freundinnen ziemlich schockiert hat. Er war natürlich auch wegweisend wegen seines Endes: Die Frauen werden nicht gestraft, wie das damals üblich war. Es bleibt offen, wie es weitergeht mit ihnen. Sie haben am Ende eine Chance.

Und bleiben Sie Ihrer Liebe zur Vergangenheit treu?Ja, das tue ich. Mein nächstes Projekt ist die Verfilmung eines Kinderbuches von Brian Selznick, "Wonder-struck". Es spielt in New York und es wird wieder ein fantastisches Period Piece.

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