Filmkritiken

"Michael"-Filmkritik: King of Pop vs. Father Monster

Es liegt wohl in der Familie – wer Jackson heißt, kann singen. (Ok, auf Percy Jackson dürfte das eher nicht zutreffen, aber das ist ja auch eine erfundene Figur.) Michael müsste jedenfalls mächtig stolz auf seinen Neffen Jaafar sein, der sich nun unter der Regie von Action-Spezialist Antoine Fuqua so lebensecht in den King of Pop verwandelt, als hätte er selbst den Moonwalk erfunden und jede Menge fetzige Konzertnummern bietet, bei denen er sich professionell den Leib verrenkt.

Das allzeit präsente Vatermonster

Das Konzept dieses Biopics ist schnell erklärt: Erzählt wird die Geschichte eines Kinderstars, der keine Kindheit erleben durfte, weil er und seine Geschwister vom Vater gnadenlos gedrillt und gedroschen wurden, bis sie nur noch Musik im Blut hatten und als Jackson 5 Karriere machten. Dieses Vatermonster, das immer mit gierigem Gesichtsausdruck und Dollarzeichen in den Augen im Bühnenhintergrund herumsteht, erhält durch Colman Domingo bedrohliche Präsenz und es ist bedrückend, mitzuerleben, wie selbst der über 20jährige Michael nicht in der Lage ist, sich gegen den übermächtigen Geschäftemacher zu behaupten. Erst auf offener Bühne während eines letzten Auftritts mit seinen Brüdern wird er vor einem Riesenpublikum endlich befreiende Worte finden. Auf diesen Höhepunkt der Abnabelung von Joseph Jackson steuert der Film zu.

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Künstliche Kindheit und befreiende Tragödie

Deutlich wird, zu welchen skurrilen Auswüchsen die vorenthaltene Kindheit bei Jackson geführt hat: Er bleibt in einer Art ewiger Jungenhaftigkeit gefangen, umgibt sich mit Spielzeug, schaut sich fast ausschließlich Cartoons und klassische Slapstickfilme an, liest Kinderbücher (wobei Peter Pan sein absoluter Lieblingsheld und Neverland sein Traumziel ist), legt sich einen Privatzoo mit exotischen Tieren an, die menschliche Freunde ersetzen sollen, stattet Kinderkrankenhäusern medienwirksame Besuche ab – und erscheint kurz gesagt immer harmlos, herzensgut und hilfsbereit, aber oft auch selber hilflos. Zur befreienden Tragödie stilisiert Fuqua dann jener schwere Bühnenunfall, bei dem Michaels Kopfhaar plötzlich in Flammen steht und der Sänger bleibende Verletzungen davonträgt.

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Missbrauchsvorwürfe aus- oder aufgespart?

Was wäre das Leben eines Popstars ohne Skandale, Abstürze und Kontroversen? Gerade Michael Jackson bietet da genügend Gelegenheiten, um ins Detail zu gehen. Aber macht das Fuqua auch? Leider nicht. Der Film endet 1988 während der "Bad"-Tournee, als Jackson den Höhepunkt seines Ruhms erreicht hat, mit keinerlei Misstönen. Dahinter steckt allerdings auch ein juristischer Grund, da ursprünglich durchaus die Missbrauchsvorwürfe gegenüber Michael in den 90er Jahren angesprochen werden sollten. Die Entdeckung einer Klausel in einem alten Vergleich mit dem damaligen Kläger Jordan Chandler machte eine inhaltliche Neuausrichtung mit umfangreichen Nachdrehs nötig. Ein finales Insert kündigt aber zumindest an, dass wir mit einem weiteren Teil zu rechnen haben, in dem sich die heikle Thematik dann nicht mehr länger ausblenden lassen wird.

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Ein stilechter Konzertfilm

Dieser skandalfreie Teil konzentriert sich dafür aber voll auf die Musik, was bei einem Jackson-Biopic ja nun wirklich kein Fehler ist. Fuqua kommt eindeutig zugute, dass er neben Actionfilmen auch zahlreiche Musikvideos inszeniert hat. Die Auftritte sind stilecht gigantisch und verbreiten richtige Konzert-Atmosphäre, wozu auch ausführliche Kameraschwenks ins Publikum beitragen: Solche Bilder von ergriffenen Fans, die mitsingen, weinen, kreischen, ohnmächtig davongetragen werden oder sich strampelnd gegen Sicherheitskräfte zur Wehr setzen, wirken absolut authentisch und lassen an einen echten Konzertfilm denken.  Besonderes Augenmerk wird auch auf kreative Prozesse gelegt und wir erleben fast Tanzschritt für Tanzschritt mit, wie das Konzept des bahnbrechenden "Thriller"-Albums zustande kommt. Das Motto für "Michael" könnte also lauten: Kompositionen statt Kontroversen. Und wer doch etwas Skandalöses finden möchte, kann sich darüber aufregen, wie schwierig es war, MTV davon zu überzeugen, Musikvideos des Schwarzen Künstlers zu senden. 

4 von 5 Glitzerhandschuhen über Kinderfingern

"Michael" ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!