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"Die Stimme von Hind Rajab": Die wahre Geschichte dahinter

Regisseurin Kaouther Ben Hania hat mit ihren Werk "The Voice of Hind Rajab" die wahre Geschichte eines kleinen Mädchens verfilmt. In einem Interview, das im Presseheft nachzulesen ist, erklärt sie die tiefgreifende emotionale und ethische Auseinandersetzung mit dieser Story. Bevor wir näher darauf eingehen, wollen wir aber die traurigen Fakten zu Hind Rajab zusammenfassen.

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Wer war Hind Rajab?

Hind Rajab war ein fünfjähriges palästinensisches Kind, das am 29. Januar 2024 mit ihrem Onkel, ihrer Tante und vier Cousin vor den Kriegshandlungen in Gaza-Stadt in ein Krankenhaus flüchten wollte. Das Auto geriet unter Beschuss, als sie auf israelische Panzer trafen. Alle Verwandten wurden getötet und Hind blieb allein im Wagen zurück, von wo sie telefonisch um Hilfe flehte. Diese Aufnahmen haben sich erhalten. Nach stundenlangen Bemühungen erhielt der Palästinensische Roten Halbmond (PRCS) die Erlaubnis, einen Krankenwagen zu schicken. Zwei Sanitäter gelangten an den Einsatzort, doch dann riss der Kontakt ab. 

Erst 12 Tage später, nach dem Rückzug der israelischen Truppen aus dem Gebiet, kam die traurige Wahrheit ans Licht: Am 10. Februar wurde das völlig durchlöcherte Auto gefunden. Alle Insassen, einschließlich der kleinen Hind, waren tot - ihr Körper wies zahlreiche Schusswunden auf. Der Rettungswagen wurde nur etwa 50 Meter entfernt lokalisiert. Er war völlig ausgebrannt und durch eine direkte Explosion (mutmaßlich durch eine Panzerkanone) zerstört worden. Auch die beiden Sanitäter kamen dabei ums Leben.

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Kino als Medium gegen das Vergessen

Für Regisseurin Ben Hania war die Begegnung mit der Tonaufnahme ein physischer Schock. Sie beschreibt Hinds Stimme als etwas, das "das Chaos durchbrach" und sich anfühlte wie "die Stimme Gazas selbst: ein Ruf ins Leere, der mit Gleichgültigkeit und Schweigen beantwortet wurde". Das Hören der vollständigen, siebzigminütigen Aufnahme des Palästinensischen Roten Halbmonds war für sie "eines der schwersten Dinge", die sie je gehört habe.

Auf die Frage, warum sie sich für das Medium Film entschied, antwortet sie, dass Kino im Gegensatz zum Journalismus nicht nur berichtet, sondern erinnert: "Es argumentiert nicht – es lässt fühlen. [...] Also griff ich zu dem einzigen Werkzeug, das ich habe: Kino. Nicht um zu erklären oder zu analysieren, sondern um eine Stimme zu bewahren. Um gegen das Vergessen anzukämpfen." Der Film sei eine Reaktion auf das "Schweigen der Welt", welches sie als "Teil der Gewalt" begreift.

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Die filmische Umsetzung: Authentizität am Set

Die Zusammenarbeit mit Hinds Mutter Wessam war die unabdingbare Basis des Projekts. Ben Hania betont: "Wenn Hinds Mutter Nein sagt, gehe ich weg". In langen Gesprächen teilte Wessam die Träume und das Lachen ihrer Tochter, um sicherzustellen, dass ihre Erinnerung nicht "zu einer bloßen Nachricht verkümmert". Der Film trägt laut der Regisseurin das Vertrauen der Familie und die Würde jener, die versucht haben, Hind zu retten.

Eine besondere ethische Herausforderung war die Arbeit mit den Mitarbeitern des Roten Halbmonds. Da diese die Aufnahmen ihrer eigenen Stimmen nie zuvor gehört hatten, basierten ihre Schilderungen nicht auf Protokollen, sondern darauf, "was sie fühlten". Am Set wurde diese Authentizität radikal eingefordert:

  • Die Schauspieler hörten während der Aufnahmen Hinds echte Stimme über Ohrhörer.
  • Ben Hania beschreibt, dass die Schauspieler (alle Palästinenser) keine Zeilen aufsagten, sondern einen "gelebten Moment noch einmal durchlebt" haben.
  • Es herrschte eine "Ehrfurcht", bei der sich die Grenzen zwischen "Schauspiel und Zeugenschaft“ auflösten.

Ben Hania lehnt feste Genredefinitionen ab. Sie beschreibt den Film als ein Werk, das sich um eine "reale, schmerzhafte Wahrheit" baut. Sie habe nicht das Gefühl gehabt, etwas zu erfinden, sondern "etwas zu empfangen – etwas Dringliches, etwas Heiliges". Ihre Aufgabe war es, einen Raum zu schaffen, der dieser Stimme würdig ist, um einer tieferen Wahrheit näherzukommen: "Nicht nur, was geschehen ist, sondern wie es sich anfühlte, was es bedeutete".

"Die Stimme von Hind Rajab" ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!