"Hamnet": Diese Unterschiede gibt es zwischen Film und Buch
Von Franco Schedl
Zunächst könnte man glauben, dass hier ein Schreibfehler vorliegt, denn mit Hamnet kann wohl kaum jemand etwas anfangen, während bei Hamlet alle sofort hellhörig werden. Doch das "n" im Namen hat durchaus seine Berechtigung. Warum das so ist, wollen wir euch hier erklären.
Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao hat Maggie O’Farrells Erfolgsroman "Hamnet" verfilmt. Der Film beleuchtet die Beziehung zwischen Agnes und William Shakespeare sowie das tragische Schicksal ihres Sohnes Hamnet, dessen früher Tod durch die Pest zweifellos als Inspiration für das Meisterwerk "Hamlet" diente. Für O’Farrell war es eine Herzensangelegenheit, dem Kind eine Bühne zu geben.
Das Kind Hamnet endlich gewürdigt
"Ich fand es immer sehr ungerecht gegenüber diesem Jungen, dass niemand jemals eine Verbindung zwischen dem Kind Hamnet und dem vier oder fünf Jahre später geschriebenen Stück 'Hamlet' hergestellt hat", sagt die Autorin in einem Statement, das im Presseheft nachzulesen ist. "Der besondere Antrieb für mich, dieses Buch zu schreiben, war also, ihm eine Bühne zu bieten und festzustellen, dass dieses Kind wichtig war. Er wurde geliebt. Ohne ihn gäbe es keinen 'Hamlet‘. Wir verdanken diesem Kind so viel, und doch spielte es in der Rezeptionsgeschichte nicht die geringste Rolle."
Da der Film und der Roman aus dem Jahr 2020 eng miteinander verknüpft sind, weil Maggie O’Farrell selbst am Drehbuch mitgewirkt hat, gibt es zwei Ebenen von Unterschieden: die zwischen Fiktion und Geschichte sowie die zwischen Buch und Leinwand. Darum folgt hier nun eine Übersicht der wichtigsten Differenzen.
Fiktion vs. Historische Fakten bei "Hamnet"
In der Geschichte klaffen oft Lücken, die Maggie O’Farrell bewusst mit Fantasie gefüllt hat:
- Der Name Agnes: Historisch ist Shakespeares Frau als Anne Hathaway bekannt. O’Farrell wählte jedoch den Namen Agnes, da ihr Vater sie in seinem Testament so nannte. Zur damaligen Zeit waren beide Namen oft austauschbar.
- Agnes als "Hexe": Im Roman und Film wird Agnes als ungestüme Heilerin und Falknerin mit fast übernatürlichen Instinkten dargestellt. Historisch gibt es dafür keine Belege; sie war nach dem Stand der Forschung eher eine typische Frau aus dem ländlichen Stratford.
- Die Todesursache: Während der Text die Pest als Ursache nennt, ist historisch nur das Begräbnisdatum von Hamnet (11. August 1596) verbrieft. Die Todesursache ist unbekannt, auch wenn die Pest im elisabethanischen England sehr wahrscheinlich war.
- Das "Opfer": O’Farrell erfand das Motiv, dass Hamnet sich quasi für seine Zwillingsschwester Judith opferte, indem er den Tod auf sich nahm, um sie zu retten. In der Realität gibt es keine Hinweise darauf, dass Judith als Kind schwer krank war.
"Hamnet"-Roman vs. Film
Obwohl Chloé Zhao dem Kern der Romanvorlage treu bleibt, gibt es ein paar Unterschiede in der Umsetzung:
- Präsenz Shakespeares: Im Buch wird William Shakespeare nie beim Namen genannt; er bleibt oft eine Randfigur im Hintergrund. Im Film nimmt Paul Mescal als "Will" deutlich mehr Raum ein, um die Dynamik der Ehe greifbarer zu machen.
- Bildsprache statt Monolog: Der Roman lebt von einer sehr dichten, lyrischen Sprache und inneren Monologen. Chloé Zhao ersetzt diese durch ihre typische visuelle Poesie (Naturaufnahmen, Fokus auf Licht und Texturen), was den Film weniger "erklärend", sondern eher atmosphärisch macht.
- Magischer Realismus: Der Film enthält etwas weniger "Magie" als das Buch. Während die Agnes im Roman fast hellseherische Züge hat, wirkt sie im Film durch die raue Inszenierung etwas geerdeter, wenn auch immer noch unkonventionell.
- Struktur: Der Roman springt stark in der Zeit (Heirat 1582 vs. Hamnets Tod 1596). Der Film versucht, diese Sprünge durch eine flüssigere, fast traumartige Chronologie zu verbinden.
"Hamnet" ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!