„Sinn und Sinnlichkeit“: Unterschiede zwischen Roman und Film
Filmemacherin Georgia Oakley will mit ihrem Werk „Sinn und Sinnlichkeit“ eine neue Interpretation des zeitlosen Klassikers von Jane Austen bieten, um den Roman einer neuen Generation von Kinozuschauerinnen und -zuschauern näherzubringen. Der Text ist ursprünglich 1811 anonym erschienen und entwickelte sich zu einer einzigartigen literarischen Sensation: Bis Juli 1813 hatte der Verleger alle 750 Exemplare des ersten Drucks verkauft, sodass eine zweite Auflage nötig wurde. Seitdem ist das Buch ununterbrochen verfügbar. Austen schuf komplexe Frauenfiguren, die ihren eigenen Weg suchen, statt einfach den Erwartungen der Gesellschaft zu folgen. In welcher Weise haben sich nun die Regisseurin und die Drehbuchautorin den Stoff anverwandelt?
Hintergrund und Entstehung
Die Idee zu einer radikalen Neuinterpretation entwickelte eigentlich die Produzentin India Flint (von der renommierten britischen Produktionsfirma Working Title) nach der Lektüre des Debütromans „Love & Virtue“ der australischen Autorin Diana Reid von 2021. Das Buch handelt von einer hochintelligenten und aufgeweckten Studentin. Flint war fasziniert von Reids Fähigkeit, „einen ganz bestimmten kulturellen Zeitgeist einzufangen und die Stimme ihrer Generation widerzuspiegeln“ und betraute sie daraufhin mit der Aufgabe, das Drehbuch für „Sinn und Sinnlichkeit“ zu schreiben.
Diana Reid stellte bei der erneuten Lektüre von Jane Austens Roman fest, dass Themen wie „Love Bombing“ und „Ghosting“ bereits damals präsent waren: „Nur weil sich die Bezeichnungen geändert haben, heißt das noch lange nicht, dass das auch für die Menschen gelten muss.“
Dynamik zwischen den Schwestern
Zwar konzentriert sich die Handlung hauptsächlich auf die Heiratsaussichten der beiden älteren Dashwood-Schwestern Elinor und Marianne, doch die Erzählung zeichnet sich zugleich durch eine komplexe Darstellung der Verbindung zwischen den beiden Frauen aus. Chaotisch, intensiv, nervenaufreibend und von leidenschaftlicher Hingabe geprägt, ist ihre Beziehung gleichermaßen zärtlich wie schonungslos. Mit anderen Worten: Sie ähnelt stark dem wirklichen Leben.
Drehbuchautorin Reid wollte die Figuren so darzustellen, dass sie für die damalige Zeit lebendig und authentisch wirkten,
gleichzeitig aber auch zeitgemäß und modern. Ihr ging es darum, die Spannung zwischen Logik und Leidenschaft einzufangen, die eine gegensätzliche Lebenshaltung von Elinor und Marianne kennzeichnet: Die beherrschte, gefasste und gesellschaftlich verantwortungsbewusste Elinor steht für „Sense“, während die spontane, leidenschaftliche und emotional empfindsame Marianne „Sensibility“ verkörpert. Reid beschreibt die Charaktere im Presseheft so: „Bei Elinor hatte ich immer einen Konflikt zwischen Pflicht und Verlangen im Sinn. Sie denkt ständig darüber nach, was andere Menschen wollen. Marianne weiß hingegen ganz genau, was sie will.“
Das Team entschied sich bewusst gegen eine Modernisierung der Sprache, wodurch ein Großteil der Originaldialoge erhalten blieb. Reid hebt die Bedeutung dieser literarischen Empathie hervor: „Für mich ist das Besondere beim Lesen klassischer Literatur, dass man Menschen begegnet, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit einem selbst gemeinsam haben. Dennoch entwickelt man eine gewisse Zuneigung zu ihnen und erkennt, dass sie einem eigentlich gar nicht so unähnlich sind.“
Bodenhaftung, Lebendigkeit und die Natur
Um Reids Drehbuch mit Leben zu füllen, wandte sich das Produktionsteam an Georgia Oakley. Die BAFTA-nominierte Drehbuchautorin und Regisseurin ist vor allem für ihr beeindruckendes Debüt „Blue Jean“ von 2022 bekannt. Oakley ist zwar als Filmemacherin dafür bekannt, ihr eigenes Material zu schreiben, doch sie war von dem Drehbuch so bewegt, dass sie sofort eine Vorstellung davon entwickelte, wie sie den Film visuell und thematisch angehen wollte. Ihre Version von „Sinn und Sinnlichkeit“ sollte Bodenhaftung haben und naturalistisch, unverfälscht und auf das Wesentliche reduziert sein.
Das Ziel war es, einen Film über Menschen zu drehen, die zutiefst lebendig wirken – nicht wie verstaubte literarische Figuren. Im Mittelpunkt sollte die Dynamik der Beziehung zwischen Elinor und Marianne stehen.
Oakley war es wichtig, noch eine weitere wichtige Figur hervorzuheben: die Natur. Die Filmemacherin wollte Austen ihren eigenen Stempel aufdrücken und war entschlossen, die natürliche Welt des Romans besonders hervorzuheben, um die Umgebung, in der sich die Dashwoods befinden, noch realer wirken zu lassen. Auch hier wird deutlich, dass die Dashwood-
Frauen, allen voran Marianne, nicht einfach gepflegte Damen sind, die in makellosen Herrenhäusern festsitzen. Sie sind voll ausgearbeitete Menschen aus Fleisch und Blut, die mit zerzausten Haaren und manchmal barfuß durch windgepeitschte Felder streifen und ein erfülltes und abwechslungsreiches Leben führen.
„Georgia wollte auf gar keinen Fall einen Film drehen, in dem der Eindruck entsteht, dass die Frauen nur herumsitzen und darauf warten, dass Männer zu Besuch kommen“, erklärt Reid. „Sie wollte, dass sie im Garten arbeiten oder etwas basteln, dass sie einfach ihr Leben leben und zufällig eine Kamera dabei ist. Sie in der Natur zu zeigen, ist eine großartige Möglichkeit, ihre
Geschichten im wirklichen Leben zu verankern und sie für ein modernes Publikum nachvollziehbar zu machen. Wir leben zwar nicht mehr in Salons und Gesellschaftszimmern, aber wir alle sind immer noch Teil der Natur.“
„Sinn und Sinnlichkeit“ ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!