"The Bride!"-Kritik: Tanzendes Monster und emanzipierte Braut
Von Franco Schedl
Jessie Buckley ist derzeit allgegenwärtig – man kommt einfach nicht an ihr vorbei. Zunächst hat sie gute Chancen, für ihre "Hamnet"-Rolle als Shakespeares Frau einen ersten Oscar zu gewinnen, doch bevor diese Entscheidung noch fällt, dürfen wir sie in einem weiteren ungewöhnlichen Kinoauftritt bewundern. In "The Bride! - Es lebe die Braut" wird sie im Chicago der 30er-Jahre zur Monsterbraut. An ihrer Seite Chistian Bale mal hart, mal zart, als schwerverliebte Frankenstein-Kreatur, die auch auf Film-Musicals steht und gelegentlich tanzt. Möglich macht diese Romanze Annette Bening als Wissenschaftlerin, deren Künste den Tod besiegt haben.
Maggie Gyllenhaal wählt in ihrer zweiten Regiearbeit einen klassischen Horrorfilm als Vorlage und liefert eine sehr freie - aber vor allem feministische - Interpretation von "Frankensteins Braut" aus dem Jahr 1935.
Verliebte Leichenteile
Im Originalfilm spielt die fürs Monster vorgesehene Braut überraschenderweise gar keine so große Rolle, weil sie bereits wenige Minuten nach ihrer Erweckung von den Toten ein zweites Mal das Zeitliche segnet. (Wer's genauer wissen will: Sie schreckt schreiend vor dem Anblick des Monsters zurück und die todtraurige Kreatur sprengt daraufhin das gesamte Labor in die Luft.) Gyllenhaal hingegen hat ein Herz für das zusammengebastelte Wesen und vergönnt ihm eine richtige Liebesgeschichte: Frankensteins sämtliche Leichenteile fühlen sich sofort zur Wiederbelebten hingezogen, und die sogenannte Braut erwidert seine Gefühle.
B wie Braut
"Das möchte ich lieber nicht" ist ein Standardsatz der Braut, den sie immer im Mund führt – eigentlich als Bauchrednerin, weil ja die "Frankenstein"-Autorin Mary Shelley (in Schwarz-Weiß-Sequenzen ebenfalls durch Buckley verkörpert) aus dem Jenseits Gewalt von ihr ergriffen hat und nun aus ihr spricht. Dabei handelt es sich um ein berühmtes Zitat. Erst kürzlich hat uns "Zechmeister"-Regisseurin Summereder mit ihrem Essayfilm "B wie Bartleby" den Erzähltext von Herman Melville wieder in Erinnerung gerufen. Nun könnte man sagen, es müsse eigentlich "B wie Braut" heißen, denn das Zurückweisen von Rollenbildern mit den legendären Worten passt perfekt zu der rebellischen Person, die sogar eine eigene Bewegung entfesselt.
Joker-Suffragetten
Männer kommen hier wirklich nicht gut weg: Es sind entweder unfähige Weichlinge oder unmenschliche Sadisten, die sich an Frauen abreagieren, indem sie vergewaltigen, töten und verstümmeln. Das Spektrum reicht von korrupten Polizisten bis zum psychopathischen Gangsterboss Lupino, der die abgeschnittenen Zungen seiner weiblichen Opfer in Gefäßen konserviert. (Sebastian Fitzek aufgepasst: Das ist genau der richtige Stoff für den nächsten Roman "Der Zungensammler".)
Gegen diese morbiden Machos begehrt die Braut auf und betätigt sich zum Beispiel auf einer noblen Abendgesellschaft als Party-Crasherin. Sie erinnert an Femizid-Opfer, weil sie als Ex-Tote über besonderes Wissen verfügt. Ihre Stimme als Fürsprecherin der ermordeten und missbrauchten Frauen verhallt nicht ungehört, sondern ruft eine eigene Emanzipations-Bewegung ins Leben. Ihre Anhängerinnen kostümieren sich genauso wie sie und vergessen auch nicht auf das andere Markenzeichen: Einen unregelmäßigen schwarzen Fleck, der sich vom rechten Mundwinkel zur Wange zieht und wie ein missglücktes Tattoo oder ein Rorschachtest im Gesicht wirkt. Somit verwandeln sich diese Frauen geradezu in Joker-Suffragetten. (Was die Bewegung genau bewirkt, führt uns der Film aber nicht mehr vor.)
Frankie & Bride
Die ungewöhnliche Romanze zwischen den beiden Wesen stößt überall auf Widerstand – daher ist das Paar bald gezwungen, die Flucht zu ergreifen und lässt eine blutige Spur hinter sich zurück. Aus Bonnie & Clyde werden hier sozusagen Frankie & Bride. Die Verfolgung nimmt ein anderes Paar auf, bei dem eindeutig die Frau dominiert. Penelope Cruz spielt eine geniale Ermittlerin, die sich in dieser Männerwelt nicht durchsetzen kann und auf einen unfähigen Partner angewiesen bleibt, der ihr zumindest den Weg ebnet.
Es liegt offenbar im Trend, dass Paare, die in berühmten Vorlagen nicht zusammengefunden haben, nun endlich doch ihre große Liebe ausleben dürfen. Das war kürzlich in "Wuthering Heights" der Fall und ist nun bei "The Bride!" genauso. Der Film erzählt von einer beeindruckenden Frau, die erst durch den Tod - und unter dem Einfluss einer anderen Frau - ihre wahre Selbstbestimmtheit entdeckt. Zugleich entwickelt das Werk die Utopie, dass die Me-Too-Bewegung bereits in den 1930er-Jahren losbrechen würde. Maggie Gyllenhaal stellt mit viel Witz, Anspielungsreichtum, Tanz- und Musicaleinlagen (Bruder Jake hilft da kräftig mit) sowie Überzeugungsgewalt den Frankenstein-Mythos auf neue Beine, die freilich auch mal gebrochen sein können. Und dank Buckleys schauspielerischer Kraftleistung ist es nicht schwer, sich ebenfalls in einen Fürsprecher der Bride-Suffragetten zu verwandeln.
4 ½ von 5 herausgestreckten schwarzen Zungen