"Wuthering Heights"-Kritik: Liebesleiden auf der Heide
Von Franco Schedl
Emerald Fennell, Regisseurin von "Saltburn" und "Promising Young Woman", hat nun in den Klassiker-Schrank gegriffen und ein Stück Weltliteratur hervorgeholt. Wer ihre früheren Filme kennt, darf sicher sein, dass sie in "Wuthering Heights – Sturmhöhe" nicht einfach eine brave Nacherzählung liefert, sondern die epische Lovestory mit großer Leidenschaft, Sinn für Dramatik - und vermutlich auch Freude an der Provokation - umsetzt. Dabei kann sie sich auf ihre beiden Stars Margot Robbie und Jacob Elordi vollauf verlassen.
Giftige Heidepflanze
Robbie legt eine überwältigende Sinnlichkeit an den Tag, und Elordi verwandeln sich nach seinem Mitwirken in del Toros "Frankenstein" auch ohne Mithilfe eines Doktors in ein Geschöpf, das in manchen Zügen einem Monster gleicht – zumindest auf der emotionalen Ebene; erweist sich zugleich aber als großer Romantiker. Fennell hätte also keine passendere Wahl treffen können.
Das beste Symbol für Emily Brontës Roman ist eine dunkle giftige Heidepflanze. Kein Wunder, dass dieses Werk im viktorianischen England zunächst für Verunsicherung und Ablehnung gesorgt hat: Der männliche Protagonist Heathcliff ist ein rachsüchtiger Widerling mit Macho-Gehabe, der zu grober Ausdrucksweise und noch gröberen Handlungen neigt. Viele seiner skandalösen Handlungen werden wir in der neuen Filmversion aber niemals zu Gesicht bekommen, denn die Regisseurin hat im Ablauf der Geschichte gravierende Eingriffe vorgenommen.
Ein Herz für Liebende
Eine Kritik ist nicht der passende Ort, um all die Abweichungen zwischen Buch und Film aufzulisten – das muss einem eigenen Artikel vorbehalten bleiben. Nur so viel sei gesagt: Die Regisseurin hat eigentlich nur die erste Romanhälfte verfilmt und unterschlägt wichtige Ereignisse, die sich um eine zweite Generation mit den Nachkommen der Hauptfiguren drehen. Viele Charaktere fallen entweder ganz fort oder mehrere Personen werden zu einer einzigen zusammengezogen. Besonders Cathys Dienerin Nelly (Hong Chau) erfährt eine Aufwertung und wird zum heimlichen Machtzentrum.
Außerdem hat Fennell ein Herz für Liebende: Sie verhilft Heathcliff und Catherine zu innigen Momenten, die es so in der Vorlage niemals gegeben hat und lässt den Film als Ode an die tragische Liebe ausklingen. Manchmal wirkt es, als hätte sie im Heidedunkel überhaupt den falschen Roman erwischt und würde uns nun ihre Version von "Lady Chatterley's Lover" bieten.
Sexuell aufgeladen
Dank Fennell dürfen wir uns zugleich auf ein sehr sinnliches Erlebnis freuen: Das beginnt bereits beim Vorspann, als ein knirschendes Geräusch an unsere Ohren dringt. Ist es ein Strick oder doch ein knarrendes Bett? Man wird eher zur letzteren Möglichkeit neigen, als auch noch das rhythmische Stöhnen einer Männerstimme hinzukommt und sich immer mehr steigert. Sobald dann die ersten Bilder sichtbar werden, sehen wir, dass es doch der Strick war, denn hier hat kein Liebesakt stattgefunden, sondern jemand wurde öffentlich hingerichtet. Immerhin klingen die Leitmotive Sex und Tod bereits hier an, da der Gehängte - wie das in einer solchen Situation durchaus üblich ist - eine Erektion aufweist (was ein Gassenjunge auch lautstark hinausposaunt). Später wird uns etwa durch zweideutige Großaufnahmen einer Nacktschnecke oder eines durchgekneteten Brotteigs Catherines sexuelles Erwachen vor Augen geführt. Es geht aber durchaus noch deutlicher, wenn sich Cathy kurz darauf im Schutz eines Heidefelsens selbst befriedigt.
Unvergessliche Bilder
Auch auf andere Weise entfaltet dieser Film suggestive Kräfte: Das Anwesen Wuthering Heights wird zu einem Paradebeispiel für dunkle Romantik, denn es wirkt mit seinen schwarzen Gesteinsmassen zutiefst bedrohlich und könnte die Kulisse aus einem von Guillermo del Toros Filmen sein. Fennells ausgeklügelte Lichtsetzung erinnert ebenfalls oft an die Bildsprache ihres Regiekollegen. Und wenn Cathy im weißen wallenden Brautgewand geradezu über die Heide Richtung Kirche schwebt, ihr Säufervater schließlich neben gigantisch aufgeschichteten Flaschenpyramiden verendet oder Heathcliff vor einer blutroten Himmelskulisse davonreitet, ergibt das Eindrücke, die man so schnell nicht mehr vergessen wird.
Mutige Neuinterpretation
"Wuthering Heights – Sturmhöhe" bietet somit eine bemerkenswerte Neuinterpretation, verkürzt die Romanvorlage aber zugleich um eine wichtige Dimension. Mitglieder eines Emily-Brontë-Fanclubs sind womöglich entsetzt über die gravierenden Abweichungen und könnten lautstark Einspruch erheben. Das wäre aber eine vorschnelle Reaktion. Emerald Fennell hat nämlich mutig ein Stück Weltliteratur als Vorlage gewählt, das sie auf ebenso eigenwillige wie geniale Weise in einen Film verwandelt, der wunderschön, hochromantisch und tieftraurig ist. Sie hat Motive aufgegriffen und neu miteinander verwoben, die Emily Brontë - selbst wenn sie es gewollt hätte - niemals zu Papier bringen durfte, um ihre Zeitgenossen nicht völlig vor den Kopf zu stoßen.
4 von 5 zerquetschten Vogeleiern unter der Bettdecke
"Wuthering Heights – Sturmhöhe" ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!