"Der Fremde": François Ozon über seine Camus-Verfilmung
Von Franco Schedl
Im Juni 1942 wurde ein Werk veröffentlich, das als eines der größten Romane der Weltliteratur gilt: "Der Fremde" von Albert Camus. Im Mittelpunkt der Handlung steht Meursault, ein unauffälliger Angestellter im Algier der späten 30er-Jahre. Zunächst nimmt er ohne sichtbare Gefühlsregung an der Beerdigung seiner Mutter teil, danach beginnt er eine Affäre mit seiner früheren Kollegin und wird durch seinen Nachbarn Raymond in zwielichtige Machenschaften hineinzieht – bis es an einem glühend heißen Tag am Strand zu einem schicksalhaften Ereignis kommt.
Das Buch war Gegenstand zahlreicher Adaptionen, darunter Luchino Viscontis Version von 1967 mit Marcello Mastroianni und Anna Karina. Nun legt François Ozon seine Neuinterpretation der Literaturklassikers vor. Wie ist das Projekt zustandegekommen und worin weicht es von der Vorlage ab? Auf diese und weitere Fragen gibt der Regisseur Anworten in einem Interview, das im Presseheft veröffentlicht wurde. Wir bieten euch hier die wichtigsten Informationen dazu.
Wie kam es zu dem Projekt?
Ozon: Ich hatte ein Drehbuch geschrieben, das wie ein Triptychon aufgebaut war. In einer der etwas dreißig Minuten langen Geschichten zeichnete ich das Porträt eines jungen Mannes der Gegenwart – desillusioniert, von der Welt abgeschnitten – der keinen Sinn in seinem Leben sah. Benjamin Voisin sollte die Rolle spielen. Das Projekt konnte jedoch nicht finanziert werden, und Freunde rieten mir, diese Geschichte zu einem Spielfilm auszuarbeiten. Um sie anzureichern, griff ich wieder zu "Der Fremde", den ich seit meiner Jugend nicht mehr gelesen hatte. Und es war ein Schock: Der Roman hatte nichts von seiner Kraft verloren und sprach mich in Bezug auf die Themen an, die ich erforschen wollte – nur intelligenter und kraftvoller!
Ich kontaktierte den Verlag Éditions Gallimard, da ich davon ausging, dass die Filmrechte bereits vergeben waren, aber zu meiner großen Überraschung waren sie noch verfügbar. Ich begann dann mit der Adaption, überzeugt davon, dass Benjamin perfekt für die Rolle des Meursault sein würde.
Was stand bei diesem Film auf dem Spiel?
Ozon: Meursaults Geschichte auf die Leinwand zu bringen, war ein Versuch, ihn zu verstehen, sein Geheimnis zu durchdringen. Ich entdecke meine Filme erst während der Dreharbeiten. Ich weiß nie wirklich, wie sie am Ende aussehen werden. Ich wusste, dass mich das Buch tief bewegt hatte, die Absurdität des Lebens, die Camus beschreibt, ohne jemals der Verzweiflung nachzugeben. Dieses Buch – und ich hoffe auch dieser Film – regt zum Nachdenken an. Das erwarte ich vom Kino.
Durch die Arbeit mit Dokumenten und Archiven und durch Treffen mit Historikern und Zeitzeugen aus dieser Zeit wurde mir bewusst, in welchem Maße alle französischen
Familien eine Verbindung zu Algerien haben und dass unsere Geschichte oft noch immer von einem bleiernen Schweigen umgeben ist.
Wie sind Sie an die Verfilmung herangegangen?
Ozon: Ich weiß, dass jede Adaption naturgemäß ein Element des Verrats beinhaltet, das man akzeptieren muss. Das ist wie bei einer Übersetzung. Die Sprache der Literatur und die Sprache des Kinos sind nicht dieselbe. Ich bin meinem Instinkt gefolgt, den Dingen, die mich an dem Roman fasziniert haben, und habe mir Camus' Vision zu eigen gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass die Umsetzung des ersten Teils des Buches (die Beerdigung der Mutter, der Alltag und der Mord an dem Araber am Strand) sinnlich, fast still, körperlich und mit einem langsamen, traurigen Rhythmus sein musste. Mir wurde gesagt, der zweite Teil (der Prozess und das Gefängnis) wäre einfacher, "fimisch wirkungsvoller", aber genau diesen Teil fürchtete ich am meisten. Im Buch handelt es sich um einen echten inneren Monolog, einen Bewusstseinsstrom, während der erste Teil mit seiner Beschreibung von Fakten und Handlungen eher filmisch ist.
Auf welche Aspekte haben Sie sich konzentriert?
Ozon: Die beiden weiblichen Figuren Marie und Djemila, die Schwester des Arabers, sind im Film stärker präsent als im Roman. Ich wollte sie besser kennenlernen und inszenieren, was diese Frauen getan, gedacht und gesagt hätten. Marie ist nicht nur eine einfache, lächelnde Schreibkraft. Sie ist sich der Gefahr bewusst, die von Sintès ausgeht; sie versucht, Meursault zu beeinflussen, und macht ihm Vorwürfe. Ich wollte nicht, dass sie eine naive Geliebte ist. Sie erkennt, dass Meursault ein anderer Mensch ist, so abwesend von der Welt. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, weiß aber, dass sie ihn aus denselben Gründen genauso gut hassen könnte.
Djemila, die im Roman namenlos bleibt, hat im Film ein Gewissen und eine Stimme. Sie ist da, um zu bezeugen, dass ihr Bruder in dieser Geschichte und im Prozess nie erwähnt wird, obwohl er derjenige ist, der ermordet wurde. Es war wichtig, durch ihre Figur zu zeigen, wie der Araber unsichtbar gemacht wird, dass zwei Welten nebeneinander existierten, ohne sich zu sehen.
Warum haben Sie in Schwarz-Weiß gedreht?
Ozon: Aus wirtschaftlichen Gründen, weil wir nicht über das Budget für Sets und Kostüme verfügten, um eine realistische Rekonstruktion von Algier zu produzieren. Diese Entscheidung hatte ich bereits für "Frantz" getroffen, der im Jahr 1919 spielt. Und aus ästhetischen Gründen, weil Schwarz-Weiß eine Form von Reinheit, Schönheit und Abstraktion vermittelt. Heutzutage sind Bilder oft aggressiv und farbgesättigt. Ich wollte, dass wir uns in einem Zustand der Empfindung und Beobachtung beNnden, einer Form der Einfachheit.
Sie haben sich mit Catherine Camus, der Tochter des Autors, getroffen. Welche Rolle hat sie bei der Adaption gespielt?
Ozon: Es war mir wichtig, Catherine Camus zu treffen, die das Werk ihres Vaters mit Wohlwollen und Entschlossenheit betreut. Es war sehr bewegend, nach Lourmarin zu fahren, Camus' Zimmer, seinen Schreibtisch und den Blick von der Terrasse, auf der er schrieb, zu sehen und die Wärme des Südens zu spüren, die ihn so sehr an Algerien erinnerte.
Sie las das Drehbuch und gab mir wichtige Einblicke in die Umstände der Entstehung des Buches, spezifische Inspirationen und biograNsche Details, die mir halfen, mein Drehbuch fertigzustellen. Sie verstand mein Bedürfnis und mein Anliegen, den Film in einen Kontext zu stellen, damit er für ein modernes Publikum zugänglich ist und nicht als losgelöst von der komplexen Realität, die wir heute kennen, wahrgenommen wird.
Es ging nicht darum, eine wörtliche Adaption zu schaffen, sondern eine zeitgenössische Perspektive auf dieses bedeutende Werk des 20. Jahrhunderts, auf unsere koloniale Vergangenheit und auf den Schmerz sichtbar zu machen, der zwischen Frankreich und Algerien nach wie vor spürbar ist.
"Der Fremde" ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!