King of Comedy: 100 Jahre Jerry Lewis. Das war sein Leben
Wie tickt einer, der sich selbst ganz bewusst zum Deppen macht? Immer und überall. Bei dem die Tölpelei zum Lebensinhalt wird? Der für sein Leben gern den Trottel spielt? Jerry Lewis (1926-2017) hatte damit überhaupt kein Problem. "Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein", erklärte er einmal selbst.
Wenn die Slapsticks eines Charlie Chaplins (1889-1977) etwas Genialisches und fast immer auch eine anrührende Tragikomik hatten, so bot Jerry Lewis mit seinen Grimassen, seiner quäkenden Stimme und seinem blanken Irrsinn infantile Albernheiten, über die sich die Welt schier totlachen wollte. Dazu sagte bereits 1965 ein völlig ernster Lewis: "Ich mache meine Filme immer für ein Publikum von Kindern. Die Eltern schauen sich das dann oft erst nur widerwillig mit ihren Kindern an, aber im Verlauf des Films kriege ich sie auch. Wir sind doch alle Kinder und wollen über die einfachen Dinge lachen."
So wurde er zum größten Trottel der Filmgeschichte. Am 16. März 2026 hätte der 2017 verstorbene Jerry Lewis seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Wie alles begann
Das Showtalent hatte er offensichtlich von seinen Eltern, beide Nachkommen emigrierter Juden. Vater Daniel Levitch trat in Newark im Bundesstaat New Jersey als Vaudeville-Entertainer auf, die Mutter Rachael war Pianistin bei einer Radiostation.
An seine Bühnenpremiere erinnerte sich Jerry Lewis ganz genau: "Ich war fünf Jahre alt. Meine Mutter hatte mir damals meinen ersten Anzug genäht, einen Kinder-Smoking. Ich trat gemeinsam mit meinen Eltern auf, die Leute haben getobt. Und das Lachen des Publikums hat mich vom ersten Moment an süchtig gemacht. Süchtig nach mehr."
Dreamteam mit Dean Martin
Ziemlich bald wurde aus dem jungen Joseph Levitch der komische Jerry Lewis, dessen Karriere steil abhob, als er sich mit dem gutaussehenden Sänger und Schauspieler Dean Martin (1917-1995) zusammentat. 1946 traten die beiden im Club 500 in Atlantic City auf. Sie wurden ein absolutes Dream-Team, dessen Publikumswirkung die Kritik so beschrieb: "Martin singt und Lewis hampelt herum." Dean Martin spielte den großen Verführer, Lewis den drolligen Tölpel.
Ihre Radiosendung "The Martin and Lewis Show" wurde ein Klassiker. Sie lief von 1949 bis 1953. Ihre Fernsehpräsenz bestand danach vor allem in Auftritten als rotierende Gastgeber von NBCs "The Colgate Comedy Hour". "Der tollkühne Jockey" (1953) war ihr erster gemeinsamer Farbfilm. Die 50er-Jahre waren auch die der großen Las-Vegas-Auftritte von Jerry Lewis und Dean Martin.
Dean Martin, der 1995 mit 78 Jahren starb, wandte sich später dem Rat Pack zu, seinen kongenialen Kumpels Frank Sinatra (1915-1998) und Sammy Davis Jr. (1925-1990), Lewis drehte fortan allein seine Erfolgsfilme wie "Der Bürotrottel", "Der verrückte Professor", "Die Heulboje" oder "Das Mondkalb".
Er hatte unzählige Affären
Es war nicht alles besonders lustig, was Jerry Lewis anpackte. Da war sein fast manisches Verhältnis zu Frauen, in zahlreichen Interviews gab er immer wieder seine permanente eheliche Untreue zu. Er hatte angeblich Affären unter anderem mit Marilyn Monroe und Marlene Dietrich, seine erste Ehefrau Patti (fünf leibliche Söhne, einen adoptierten), reichte deswegen 1980 die Scheidung ein.
Von 1983 bis zu seinem Tod war er mit Sandra "SanDee" Pitnick, einer ehemaligen Ballerina, verheiratet. Alle Kinder und Enkel, die der ersten Ehe entstammten, wurden von ihm rigoros enterbt. Kein Wunder, dass ihn sein ältester Sohn Gary als "bösen, gemeinen Menschen" ohne Fürsorge oder Liebe bezeichnete.
Nach "The Day The Clown Cried" zieht er sich zurück
1972 drehte Lewis als Regisseur und Hauptdarsteller "The Day The Clown Cried", die fiktive Geschichte des deutschen Komödianten Helmut Doork (Lewis), der im KZ landet, weil er Witze über Hitler gemacht hat. Im KZ geht der Komiker mit 65 Kindern in die Gaskammer.
Nach 116 Drehtagen verkündete Lewis das Aus. Später sprach er in der ARD-Dokumentation "Der Clown" erstmals über die Hintergründe: Alles sei seine Schuld, er sei gescheitert und habe versagt. Es sei nicht möglich, den Holocaust mit den Mitteln des Humors zu erklären. Andere behaupten, der Film sei ein Meisterwerk. Wie dem auch sei: Nach diesem Fiasko zog sich Jerry Lewis eine Zeit lang aus der Öffentlichkeit zurück.
Er kehrte unter anderem 1982 in Martin Scorseses "The King of Comedy" an der Seite von Robert De Niro (82) zurück. Er spielte den Part eines gekidnappten Showmasters. Während der Dreharbeiten erlitt er einen schweren Herzinfarkt, bei dem er kurze Zeit klinisch tot war.
Seine lange Krankengeschichte
Bereits 1965 brach er sich in Las Vegas bei einer missglückten Rolle vom Klavier einen Knochen der Wirbelsäule. Jahrzehnte litt er unter heftigen Schmerzen. Er nahm das Betäubungsmittel Percodan und wurde süchtig. Er überlebte Prostatakrebs, eine Lungenfibrose, chronische Magenblutungen, zwei Herz-Operationen und Depressionen.
2009 verlor er seinen Sohn Joseph, der an einer Überdosis Drogen starb. Es falle ihm schwer, darüber zu reden, sagte er. "Wenn ich ihn nicht im Sarg gesehen hätte, könnte ich es bis heute nicht glauben."
Jerry Lewis starb am 20. August 2017 im Kreise seiner Familie an einem Herzversagen. Er wurde 91. 2022 erschien ein Artikel im Magazin "Vanity Fair", in dem ihn mehrere Frauen der massiven sexuellen Belästigung bezichtigten. Sie zeichneten ein unbekanntes, durch und durch unappetitliches Bild des größten Comedy-Stars der Welt.
Sein berühmtester Sketch war "The Typewriter" aus dem Film "Der Ladenhüter" von 1963. Jerry Lewis tippt mit irrer Geschwindigkeit und Präzision zum gleichnamigen Musikstück die Tasten einer nicht vorhandenen Schreibmaschine. Eine virtuose Nummer, subtil und voller Witz. So wird er in Erinnerung bleiben, wer immer er auch war.