"Backrooms"-Kritik: Psycho-Horror auf ganz neuem Level
Von Franco Schedl
Ein Hinterzimmer? Das klingt eher nach Langeweile: Ein enger Raum, der vielleicht mit Abstellsachen vollgestopft ist und wo man nur möglichst kurze Zeit verbringen will. Als Schauplatz für einen Horrorfilm wohl kaum geeignet, sollte man meinen. Aber da hat man die Rechnung ohne Kane Parsons gemacht, der uns mit seinen "Backrooms" einen Gänsehautschauer nach dem anderen bescheren wird. Dieses Werk frisst sich förmlich in unser Gehirn und nach Verlassen des Kinos benötigen wir etliche Minuten, um wieder in der sogenannten realen Welt zu landen.
YouTube-Phänomen in Langfassung
Nicht nur der Film ist eine Sensation, sondern auch die Person seines Regisseurs, denn Parsons ist erst 20 Jahre alt und hat bereits als 16-Jähriger unter dem Künstlernamen Kane Pixels einen gleichnamigen YouTube-Kurzfilm im Found-Footage-Look veröffentlicht, bei dem das schaurige Setting und einfallsreiche visuelle Effekte eine perfekte Kombination eingegangen sind. Mittlerweile kann sein Erstlingswerk über 84 Millionen Aufrufe verzeichnen und ihm sind ein paar weitere Kurzfilme aus diesem Backrooms-Universum gefolgt. Kein Wunder, dass nun die Zeit für einen Langfilm reif war. Die Horror-Experten Shawn Levy und James Wan wurden für dieses ideale A24-Projekt als Produzenten tätig; das Drehbuch stammt von Will Soodik, der sich als Autor von "Westworld", "Homeland" und "Ash vs. Evil Dead" einen Namen gemacht hat.
Wie sieht es in den Backrooms aus?
Diese Backrooms wirken wie fensterlose, leere, gelbtapezierte Büroräume und erstrecken sich offenbar ins Grenzenlose, verengen sich mal zu schmalen Durchgängen, erweitern sich dann zu riesigen lichtdurchfluteten Räumen oder münden in dunkle höhlenartige Verliese, die man über Rutschbahnen erreicht. Zwischendurch trifft man auf die merkwürdigsten Gegenstände - seien es ganze Zimmereinrichtungen mit Couch, Geschirrschrank und Esstisch, elektronisches Equipment, Kleiderhaufen oder wassergefüllte Swimmingpools - und findet Türen an den unwahrscheinlichsten Orten. Wer das Pech hatte, dort hineinzugeraten, wird endlos umherirren und mit wachsender Panik feststellen, dass er in diesem Labyrinth doch nicht alleine ist, weil so manche Monster lauern. Parsons findet übrigens auch hier Gelegenheit, auf clevere Weise Found-Footage-Szenen einzubauen.
Mit der Therapeutin in einer Dimension des Schreckens
Nachdem es den erfolglosen Geschäftsmann und gescheiterten Architekten Clark (Chiwetel Ejiofor) auf ungewöhnliche Weise in dieses Horror-Universum verschlagen hat, dringt seine Therapeutin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve) ebenfalls in die Dimension des Schreckens vor, um ihren Patienten zu retten. Doch ist sie dieser Aufgabe auch gewachsen? Aus zahlreichen Rückblenden erfahren wir, dass sie selber mit einer traumatischen Vergangenheit zu kämpfen hat. Dabei wird der Abdruck einer Kinderhand in einem Stück Beton zum sichtbaren Symbol der Erinnerung. Tatsächlich findet dieser Horror eigentlich großteils unter der Schädeldecke statt und die Backrooms erweisen sich als würdiges Gegenstück zu einem "Inland Empire", das einst durch David Lynch errichtet wurde. Abgesehen von diesem großen (indirekten?) Vorbild müssten auch Cronenberg, Dario Argento und Stephen King mächtig stolz auf dieses Beispiel einer kreativen Weiterführung des Horror-Genres sein.
Archetypen des Unheimlichen
Selten zuvor wurde der Begriff psychologischer Horror so ernst genommen: Man hat das Gefühl, der Film versammelt Archetypen des Unheimlichen und verlinkt uns direkt mit dem kollektiven (Un)bewussten. Gerade deshalb kann der Kinobesuch zu einer sehr persönlichen Erfahrung werden, weil Urängste angesprochen werden, die nur darauf warten in jedem von uns wieder ausgelöst zu werden. Eines sollte jedenfalls klar sein: Dieser Film kann keine Psychotherapie ersetzen - aber vielleicht braucht man danach eine.
Es ist geradezu ein Wunder, dass die beiden Hauptdarsteller bei diesen Dreharbeiten nicht tatsächlich verschollen gegangen sind, denn die aufgebauten Kulissen umfassten 2800 m². Aber kann man den Backrooms jemals wirklich ganz entkommen? Eigentlich tragen wir sie doch in uns und ihre scheinbare Unendlichkeit entspricht wohl der Anzahl unserer Gehirnzellen.
5 von 5 Fluchttüren an den unmöglichsten Stellen
"Backrooms" ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!