Filmkritiken
05.10.2018

"Bad Times at the El Royale": Action-Pulp vom Feinsten

Drew Goddard spielt gekonnt mit Erwartungen und liefert eine unglaubliche Geschichte in bester Tradition von David Lynch und Quentin Tarantino.

Des einen Leid, des anderen Freud: Mit "Bad Times at the El Royale" sorgt Regisseur und Drehbuchautor Drew Goddard für eine gute Zeit im Kino. Der Regisseur von "The Cabin in the Woods" und Drehbuchautor von Filmen wie "Cloverfield", "Der Marsianer" sowie TV-Serien wie "Buffy", "Lost" und "Daredevil" spielt in seiner zweiten Regiearbeit gekonnt mit den Erwartungen des Publikums. Aber nicht nur die – an sich recht simple – Geschichte voller Überraschungen macht diesen großartigen Film aus. Es ist auch die Art und Weise wie Goddard die Geschichte erzählt. Und die Geschichte geht so …

Das "El Royale" hat schon bessere Zeiten erlebt. Es steht mitten auf der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada. Die rot markierte Grenzlinie zieht sich durch die Lobby des Hotels. Die Bar ist in Kalifornien, die Rezeption in Nevada. Früher verkehrte in dem Hotel die High Society. Berühmtheiten aus Politik und Gesellschaft gaben sich die Klinke in die Hand. Doch die glorreichen Zeiten sind vorbei, seit das Hotel seine Glücksspiellizenz verloren hat. Nun ist hier tote Hose.

An einem verregneten Abend des Jahres 1969 checken vier Gäste in das Hotel ein: Der gesprächige Staubsauger-Vertreter Seymour "Laramie" Sullivan (Jon Hamm), der alternde Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), die Background-Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) und eine kratzbürstige Femme Fatale (Dakota Johnson), die sich nur mit "Fuck you" in das Gästebuch einträgt. Vom zerstreuten Concierge Miles (Lewis Pullman) fehlt zunächst jede Spur. Andere Bedienstete scheint es in dem Hotel nicht (mehr) zu geben. Als er endlich auftaucht, will er zuallererst Vater Daniel Flynn davon überzeugen, sich eine andere Absteige zu suchen: "Das ist kein Ort für einen Priester." Ist das eine Warnung vor dunklen, vielleicht sogar übernatürlichen Mächten? Vater Flynn bleibt jedenfalls und auch die drei anderen Gäste bekommen ihre Zimmer zugeteilt. In den Zimmern alleine, offenbart sich bald: Jeder Gast hat ein Geheimnis. Aber auch das Hotel hat eine düstere Vergangenheit, von der nur der Concierge weiß.

 

In bester Tradition: Tarantino und Lynch lassen grüßen

Auf den ersten Blick betrachtet, könnte man meinen, Goddard empfiehlt sich mit "Bad Times at the El Royale" als Kronprinz von Quentin Tarantino, wenn dieser nach seinem zehnten Film das Kino an den Nagel hängt. Völlig zurecht! Trotzdem wäre das zu kurz gegriffen. Natürlich erinnert "Bad Times" mit seiner Kapitel-Struktur sehr an das Tarantino-Meisterwerk "Pulp Fiction" und das Szenario mit verschiedenen Gästen im Hotel an den Episodenfilm "Four Roums". Auch in "Bad Times" erfahren wir in Episoden mehr darüber, was die Gäste an diesem Abend ins El Royale geführt hat. Die einzelnen Geschichten fügen sich wie bei "Pulp Fiction" zu einer Handlung zusammen. Anders als bei Tarantino, dessen Spezialität das schier endlose Gequatsche der Protagonisten ist, setzt Goddard auf das Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Das macht er mit deutlich weniger Dialog, aber gekonnt zwischen den Zeilen.

Es bei Tarantino zu belassen, wäre aber zu banal. Zu viele andere popkulturelle Reminiszenzen in "Bad Times" würden dann einfach unter den Tisch fallen. David Lynch zum Beispiel. Das visuelle Neo-Noir-Design im Stil der 50er- und 60er-Jahre erinnert ein junges Publikum wahrscheinlich eher an die Mystery-Serie "Riverdale", was aber nur daran liegt, dass auch diese Serie sich visuell an David Lynch und seiner vom Farbfotografie-Pionier William Egglestons inspirierten Bildsprache orientiert. Alles ist irgendwie düster und verregnet, aber doch von grellem Neon-Licht und bunten Farben durchsetzt. Licht wird hier ohnedies perfekt eingesetzt. Alles schreit danach, dass irgendetwas nicht stimmt. Sehr geschickt spielt Goddard mit Genre-Elementen aus Crime und Horror.

 

Kammerspiel mit starken Charakteren

Getragen wird der Film auch von den fantastischen Schauspielern. Dass Jeff Bridges kein echter Priester ist, war von Anfang an klar – macht aber seine Figur nicht weniger spannend. Überraschender ist hingegen die (letztlich eigentlich wenig spektakuläre) Geschichte der von Cynthia Erivo gespielten Sängerin Darlene Sweet. Doch ihr bewegendes Zusammenspiel mit Bridges macht die Musik. Jon Hamm passt wie schon in " Mad Men" auch hier wieder perfekt in die Zeit der späten 60er-Jahre. Lewis Pullman überzeugt als drogenabhängiger Hotelpage, der verzweifelt nach Vergebung durch Vater Flynn strebt. Hingegen bleibt Dakota Johnson als coole Femme Fatale ein wenig blass, ebenso wie ihre Schwester Rose (Cailee Spaeny). Der später auftauchende Chris Hemsworth besticht eher mit seinen körperlichen Reizen als mit seiner tiefgründigen Persönlichkeit. Aber das ist wohl so gewollt.

Insgesamt ist "Bad Times at El Royale" eine unglaubliche Geschichte, die nicht nur Tarantino-Fans lieben werden. Dank der immer wieder unerwarteten Wendungen kommt in keiner einzigen der 140 Minuten auch nur der Hauch von Langeweile auf.

 

Erwin Schotzger