Filmkritiken
12.09.2018

„Bruder Jakob schläfst du noch?": Brüderliebe am Prüfstand

Zwei Jahre nach dem Selbstmord seines Bruders begibt sich Regisseur Stefan Bohun mit seinen drei Brüdern auf Spurensuche.

Die letzte Nachricht von ihrem verstorbenen Bruder führt die vier verbliebenen Bohun Brüder ins Tiroler Gebirge, wo sie nicht nur über die Todesursache sondern auch über ihre Beziehung zueinander reden. Alte Briefe werden wieder in Erinnerung gerufen und längst vergessene Anekdoten wieder erzählt. Obwohl der Suizid des Bruders im Mittelpunkt steht, entwickelt sich der Film immer mehr zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Familie.

Mutig

Jakob zog schon bald nach der Schule nach Porto und gründete dort eine Familie. Die Beziehung zu seinen einzelnen Brüdern war sehr unterschiedlich. Einigen erzählte er von seinen tiefsten Abgründen, zu anderen blieb er stets auf Distanz. Seine Nachrichten zeichnen sich durch Einsamkeit und einer tiefen Sehnsucht nach der Heimat aus. Die gemeinsame Reise der Brüder offenbart Stück für Stück das Wesen des verstorbenen Bruders. Dabei wird auf banale Antworten auf die unerträgliche Frage nach dem Warum? verzichtet. Bohun weiß, dass ein Film diese Frage nicht beantworten kann. Die Entscheidung, ein derart persönliches Thema dennoch zu verfilmen, zeugt vom Mut dieses Regisseurs.

Berührend

Das Risiko, bei derart persönlichen und tragischen Geschichten in den Kitsch abzudriften, ist sehr groß, da den Filmemachern oft die nötige Distanz zum Thema fehlt, um einen objektiven Blick auf das Geschehen zu bekommen. Bohun meistert diese Hürde mit Bravour. „Bruder Jakob schläfst du noch?“ ist ein unfassbar berührendes Werk, das unaussprechliche Emotionen erlebbar macht. Die Authentizität der Protagonisten ruft beim Publikum Gefühle hervor, die bei einem Spielfilm undenkbar wären. Die Familie dient hier als Mikrokosmos, in dem Fragen über Schuld, Verantwortung und Nächstenliebe verhandelt werden. Die geschickte Montage und  die reduzierte Kameraarbeit stellen die Brüder immer in Kontext zu ihrer Umgebung und geben der Erzählung so die notwendige Abwechslung. Das zwischengeschnittene Archivmaterial liefert auch keine Antworten, aber zeigt den verstorbenen Bruder in der Blüte seines Lebens und verdeutlicht die komplexen Gefühle, die jeder Mensch in sich trägt. Die Montage von Archivmaterial  und dem Lied „Logical Song“ von Supertramp liefert hier den derzeitigen Höhepunkt des österreichischen Filmjahres. Ein berührender Dokumentarfilm, der mehr übers Leben als über den Tod erzählt.

9 von 10 improvisierten Musikeinlagen

Özgür Anil