Filmkritiken
05.10.2012

DAS KONSTRUKT FAMILIE DEKONSTRUIERT

Die Qual des schreienden Kindes. Die Versuche der überforderten Mutter, den Sohn zu beruhigen, zärtlich zu sein. Ihr Scheitern und ihre Resignation, als aus dem Kind ein sprachloser, ihr entglittener Jugendlicher wird. Einer, für den nur der Vater und seine Gewaltspiele zählen. Einer, der schließlich Amok läuft.

Es ist eine gnadenlose Abrechnung des Konstrukts Familie, die Regisseurin Lynne Ramsey hier abliefert. Ihre Eva – genial gespielt von Tilda Swinton – ist die Büßerin für die Sünden ihres bösen Kevin, geächtet und von allen attackiert. Farbbeutel landen auf ihrem Auto, auch die Fassade ihres elenden Häuschens wird verunstaltet. Mütter getöteter Kinder mobben sie auf offener Straße. In Flashbacks lässt sie ihr Versagen, ihr Scheitern im bürgerlichen Dasein, Revue passieren. Bei Kevin findet sie auch im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses nicht die richtigen Worte.

Der Film, der vieles andeutet und den Dingen nicht auf den Grund geht, lebt von der Darstellung Tilda Swintons. Sie ist großartig, wandelbar wie ein Chamäleon – kurz: sehenswert.

KURIER-Wertung: ***1/2 von *****