Delwende (Lève-toi et marche)

 Burkina Faso/F/CH 2005
90 min.
film.at poster

Ganz der schnörkellosen, direkten Erzähltradition des westafrikanischen Kinos verpflichtet, erzählt S. Pierre Yaméogo in seinem fünften Spielfilm von Männerherrschaft, dem Diktat des Brauchtums und dem Aufbegehren einzelner Frauen. Die ersten Einstellungen führen in ein Dorf, ein Fest wird gefeiert, Frauen tanzen und die junge Pougbila erweckt Begehrlichkeit unter den Männern wie Neid bei den Frauen. Denn die 16-Jährige ist von üppiger Schönheit und zudem Tochter eines der mächtigen Dorfältesten. Doch dann wird das Dorf von Unheil heimgesucht: Täglich sterben Kinder, Angst geht um. Als Pougbila ihrer Mutter gesteht, dass sie vergewaltigt wurde, scheint dieses Delikt vernachlässigbar, und ohne den Namen des Täters wissen zu wollen, verheiratet ihr Vater sie kurzerhand in ein benachbartes Dorf. Inzwischen führt der Ältestenrat den Tod der Kinder in Missachtung der Radiobeiträge über kursierende Meningitis auf den Fluch einer Hexe zurück und veranstaltet einen magischen Ritus, um die Schuldige zu entlarven. Es trifft Pougbilas Mutter, die, zur Flucht gezwungen, eine entbehrungsreiche Odyssee antritt. Yaméogo schrieb das Drehbuch aufgrund seiner Recherchen über marginalisierte, als «Hexen» bezeichnete Frauen für einen Dokumentarfilm im Auftrag von France 2. Die Kamera führte Jürg Hassler, der u.a. mit dem Schweizer Dokumentaristen Richard Dindo gearbeitet hat, World-Music-Veteran Wasis Diop schenkte dem Film Akzente auf der Tonspur, in denen sich Land- und Stadtrhythmen neu entdecken lassen. In diesem außergewöhnlichen Beitrag zur kinematografischen Identität der postkolonialen Länder Westafrikas geht Yaméogo konsequent seinen Weg eines gesellschaftskritischen afrikanischen Kinos, wandelt in den Spuren von Altmeister Ousmane Sembène (Senegal), positioniert sich eindeutig zu den drängenden Fragen von Tradition und Moderne und verwebt Lokalkolorit mit globalem Anspruch. Am Ende steht die Utopie im Namen der Gerechtigkeit. (Verena Teissl)

(Text: Viennale 2005)

Details

Blandine Yaméogo (Napoko), Claire Ilboudo (Pougbila), Célestin Zongo (Diahrra), Abdoulaye Komboudi (Nonceur), Daniel Kabore (Bancé), Thomas Ngourma (Elie), Jules Taonssa (Raogo)
S. Pierre Yameogo
Wasis Diop
Jürg Hassler
S. Pierre Yaméogo

Kritiken

Kinoprogramm

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User Kritiken


  • TIPP
    Hier war die Entscheidungsfindung kurios: Als ich im Pressetext von der
    "schnörkellosen, direkten Erzähltradition des westafrikanischen Kinos"
    las, fiel mir "Hyènes" ("Ramatou") ein, eine grenzgeniale Adaption von
    Dürrenmatts "Besuch der alten Dame", transponiert in ein senegalesisches
    Dorf. Es ist einige Jahre her dass ich ihn gesehen hatte, aber die
    Faszination wirkte lange nach (kongenial übrigens auch die Filmmusik).
    Ich habe bisher von S. Pierre Yaméogo, dem Regisseur und Autor
    von "Delwende ...", noch keine Arbeiten gesehen, aber allein die Tatsache,
    dass er aus der selben Kinotradition stammt wie Djibril Diop Mambéty ("Hyènes"), ist mir Empfehlung genug.
    Die Thematik ist ebenso zeitlos: Die verzweifelte Suche nach Sündenböcken für Dinge die man nicht begreift, das Leugnen dessen was nicht sein kann (weil es nicht sein darf), und die Schwierigkeit, althergebrachte Rollen und Traditionen zu durchbrechen.