"Der dunkle Turm": Überhastete Erzählung von schnellen Schusswechseln

dunkle-turm-3.jpgSony Pictures
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Stephen King einen Vielschreiber zu nennen, grenzte noch an eine Untertreibung: allein sein Hauptwerk, der achtbändige Dunkle-Turm-Zyklus, umfasst auf Deutsch locker 5000 Seiten.  Nach langen Jahren der Planung und Verzögerung kommt nun die Kinoadaption dazu, wobei sich die verwunderte Frage aufdrängt, wie man aus dieser Fülle einen knapp 90minütigen Film machen kann. Der Trick liegt darin, dass sich die Drehbuchautoren  gar nicht an einem der bereits vorliegenden Texte orientiert haben, sondern willkürlich nur einzelne Motive des  Romanwerks  aufgreifen.

Eine wenig überzeugende Geschichte

Der dänische Regisseur Nikolaj Arcel erzählt daher  eine eigenständige Geschichte, die höchstens in ganz groben Zügen an „Schwarz“, den ersten Band des Zyklus, erinnert. Die Zielsetzung des Revolvermannes Roland ist jedoch dieselbe geblieben: er verfolgt unermüdlich seinen Erzfeind, den Mann in Schwarz, und erhält dabei Hilfe von einem ungewöhnlich begabten Jungen (Tom Taylor)  aus New York, dessen Name Jake Chambers für Kenner der Romane ebenfalls sehr vertraut klingen wird. 

Während das riesige Erzählwerk eine faszinierende Mischung aus Western/Horror/Fantasy bietet und sich durch verschwenderische Phantasie auszeichnet, ist dieser Film hingegen eine nichtssagende Dutzendware geworden und wirkt  oft richtiggehend unfertig und überhastet. Auch die Story um den Dunklen Turm, der im Zentrum des Universums für das Gleichgewicht der Kräfte sorgt, scheint nicht so gut durchdacht, und das Treiben des schwarzen Bösewichts - mit dem Einsatz von ganz spezieller Kinderarbeit - bleibt relativ unmotiviert (und wirkt ehrlich gesagt sogar etwas lächerlich).  

In der Rolle des Gunslingers zieht Idris Elba  schneller als Lucky Lukes Schatten und auch beim Schießen und Nachladen wird ihn keiner an Geschwindigkeit übertreffen. Die Figur selbst ist aber ziemlich stereotyp geraten und  man entwickelt  kein wirkliches Interesse für sie, obwohl pflichtschuldig etwas von seelischer Zerrissenheit angedeutet wird.

Ein überzeugender Mann in Schwarz

Der einzige Lichtblick in dieser dunklen Geschichte  ist höchstens Matthew McConaugheys Auftritt: überschlank in edles Schwarz gekleidet, sieht er aus wie ein unheimliche Kreuzung aus  Dressman und Topmanager, spielt aber  einen echten luziferischen Charakter, in dessen Handfläche schon mal ein Feuerchen auflodert und der praktisch im Vorbeigehen Böses stiftet – da reicht ein sanft dahingesprochenes „Stop breathing!“ und ein Mensch fällt tot um. Wenn einer schon über solche besonderen Kräfte verfügt, hätte er dem Regisseur lieber rechtzeitig ein „Stop filming!“ zugerufen oder ein besseres Skript hergezaubert.

Kings selbstgeschaffenes Universum stellte mit seiner Komplexität vermutlich viel zu hohe Anforderungen an die Drehbuchverfasser, und wer noch nie  eine Zeile von diesem Autor  gelesen hat, wird durch Arcels Film  wohl nicht dazu motiviert, sich näher mit den originalen Abenteuern des Revolvermannes Deschain zu beschäftigen.

5 von 10 dunklen Punkten

franco schedl

Der dunkle Turm

Der dunkle Turm

USA 2017

The Dark Tower (2017)

Fantasy, Literaturverfilmung, Science Fiction, Abenteuer
11.08.2017
Nikolaj Arcel
Stephen Kings gigantisches Fantasy-Epos findet nun endliche einen Weg auf die große Leinwand.
6.00

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