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filmkritik
03/22/2017

"Der junge Karl Marx": Brav nachgestellte Lebensstationen

Hier wird zwar vom Beginn einer umstürzenden revolutionären Bewegung berichtet, das geschieht jedoch auf erstaunlich konventionelle Weise.

1973 hat der als konservativ geltende Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger unter dem Titel „Gespräche mit Marx und Engels“ eine umfangreiche Zusammenstellung von Originalberichten über die beiden Arbeitspartner und Freunde herausgegeben. Da werden natürlich viele widersprüchliche Meinungen laut und die Gefühlslagen reichen von blinder Verehrung bis zu boshaften Gehässigkeiten.

Altmodisches Erzählkino

Auch nur ein geringer Teil solcher stimmlichen Vielfalt hätte dem Film von Raoul Peck gut getan. Stattdessen wird da zwar vom Beginn einer umstürzenden revolutionären Bewegung berichtet, aber das geschieht auf erstaunlich konventionelle Weise: altmodisches Erzählkino, in dem brav einige Lebensstationen und -situationen des Begründers eines historisch-dialektischen Materialismus sehr simpel nachgestellt werden. Das ergibt eine Abfolge von politischen Verfolgungen, Ausweisungen, Geldsorgen, Versammlungen, Streitgesprächen und Familienszenen. Marx und Engels entwickeln ein Programm, das konkrete Ziele formuliert, gründen den Bund der Kommunisten und schlagen zuvor einige Konkurrenten aus dem Feld, wie zum Beispiel den revolutionären Schwärmer Weitling, einen Schneider, der sich wie ein Prophet benimmt und bei seinen publikumswirksamen Auftritten nebulöse Erweckungspredigten von sich gibt. Auch der französische Ökonom und Soziologe Proudhon verschanzt sich hinter kaum durchdachten Allgemeinbegriffen wie Eigentum und Diebstahl, die einer näheren Überprüfung nicht standhalten (zumindest wird es im Film so dargestellt).

Ein kurzer Stilbruch

Am Ende verlässt das Kommunistische Manifest die Druckerpresse und tritt seinen Siegeszug um die Welt an. Welche Auswirkungen das im Laufe der kommenden Jahrzehnte hatte, zeigt der Abspann in Form einer knappen und eher beliebigen Bilder-Collage über die Geschichte des 20. Jahrhunderts, während der junge Bob Dylan „Like a Rolling Stone“ dazu singt. So viel Modernität hätte man sich auch die vorherigen zwei Stunden über gewünscht, doch leider bleibt dieser Stilbruch auf die letzten paar Sekunden beschränkt.

Zuletzt denke ich natürlich auch ans werktätige Volk und habe eine Botschaft an alle materialistisch gesinnten Frisöre: sie sollten bedauern, durch die späte Geburt um eine gutes Geschäft gebracht worden zu sein, denn bereits der junge Marx hatte einen Vollbart - bloß war der damals wesentlich gepflegter und gestutzter als das wuchernde Bartungeheuer der späteren Jahre.

7 von 10 revolutionären Barthaaren

franco schedl

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