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Filmkritik
11/16/2016

"Die Nacht der 1000 Stunden": Familienaufstellung mit Toten

Eines Nachts treffen die Lebenden und Toten aufeinander, denn viele Generationen derselben Familie nehmen in einem Wiener Palais wieder Gestalt an.

Wir alle haben so unsere Leichen im Keller, aber es ist schon ein besonderes Problem, wenn die toten Familienangehörigen eines weitverzweigten Clans nicht dort bleiben wollen, wo sie hingehören – im Jenseits. Stattdessen nehmen eines Nachts – ausgelöst durch Erbstreitigkeiten - viele Generationen derselben Familie an jenem Ort, wo sie einst gelebt haben, wieder Gestalt an. Das ist die reizvoll klingende Ausgangssituation von Virgil Widrichs Familiendrama: immerhin verschafft ein solcher Plot dem Regisseur Gelegenheit, weit über ein Jahrhundert österreichischer Geschichte in sehr privater Einkleidung Revue passieren zu lassen.

Detektivspiel mit der toten Tante

Die seltsame Situation provoziert zugleich naturwissenschaftlich aufregende Fragestellungen wie z.B.: Kann ein Toter überhaupt noch einmal sterben? Ein wissbegieriger Doktor (Todesjahr 1965) führt hierzu ein Selbstexperiment aus. Lügen können die Wiedergänger jedenfalls noch immer sehr gut, denn bald ahnt man: hier ist ein Geheimnis aufzudecken. Ein fehlender Aktenordner im Safe deutet erstmals darauf hin, weitere Unstimmigkeiten folgen; und so beginnt ein Detektivspiel, das der junge, noch sehr lebendige, Philip ( Laurence Rupp) gemeinsam mit seiner schönen toten Großtante Renate (Amira Casar) vorantreibt und zu einem – vor allem ihn selbst - überraschenden Ende führt.

Architektur der Seele

Ein Wiener Palais gibt den idealen Schauplatz für diese geheimnisvolle Geschichte ab: Spiegelungen und Schattenspiele in dem verwinkelten Haus rufen oft eine geradezu expressionistische Atmosphäre hervor und ermöglichen elegante Zeitsprünge. Das erinnert an einen berühmten Vergleich, den Sigmund Freud in seinem Essay über „Das Unbehagen in der Kultur“ anstellt: dort beschreibt er die menschliche Psyche in Form eines idealisierten Roms, dessen historische Bauformen sich Schicht für Schicht übereinander gelegt haben und dennoch alle zugleich sichtbar geblieben sind. Widrich scheint von diesem Bild angeregt worden zu sein und macht die Wiederkehr des Verdrängten anschaulich: alle Sehnsüchte, Wünsche, Ängste und Hassgefühle der früheren Generationen sind bei ihm nach wie vor sehr präsent und wirkungsmächtig.

Weshalb die historischen Anspielungen jedoch bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen müssen (auch die Barrikaden der 48er Revolution kommen kurz ins Bild), wo doch die Lösung des Familienrätsels in den 1930er Jahren zu finden ist, erschließt sich nicht ganz, und die Figurenfülle droht manchmal zur reinen Staffage zu werden. So etwas nennt sich dann in Freuds Sprache ‚Überdeterminierung‘.

7 von 10 geisterhaften Punkten, die in der Familie bleiben.

franco schedl

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