Filmkritiken
31.01.2012

DURCHGESTYLTES SPANNUNGSKINO AUF DER ÜBERHOLSPUR

1978 lenkte Ryan O'Neal als schweigsamer Virtuose des Lenkrads an der Seite Isabelle Adjanis Fluchtautos und lieferte sich ein Duell mit der Polizei in Gestalt von Bruce Dern. Mehr als 3 Jahrzehnte später übernimmt Ryan Gosling den Part des Fahrers in einem konsequent durchgestylten Film von Nicolas Winding Refn (dessen Nachname selber so klingt, als wäre er das Ergebnis eines Autounfalls mit etlichen bösen Frakturen). Erstaunlicherweise durfte der ältere „Driver“ ein wesentlich größeres Fahrgeschick an den Tag legen und seine Vehikel zu waghalsigen Höchstleistungen anspornen – was aber bloß darauf hindeutet, dass Refn andere Absichten verfolgt, als einen straighten Actionstreifen abzudrehen; dafür ist der Mann ein zu großer Ästhet, der sich an Farben, Tönen und ausgeklügelten Bildkompositionen erfreut und diese Begeisterung auch an sein Publikum weiterzugeben versteht.

Der neue „Drive“ hat also mit dem alten Film nur in geringem Grad etwas gemeinsam, und befindet sich in Punkto Anspruch und Spannung locker auf der Überholspur, weil Refn, wie ein etwas weniger zappeliger Tarantino, mit seinem Werk gleich die Essenz einer ganzen Gattung herausdestilliert. Alle unverzichtbaren Bestandteile des Actionkinos (Film Noir + Gangsterfilm miteinbegriffen) sind hier bestens vereint und das virtuose Spiel mit den entsprechenden Stilmitteln beschert uns Szenen voll unwirklicher Schönheit, in denen die Zeit einzufrieren scheint und die zugleich mit ziemlicher Brutalität durchsetzt sind. In der grellbunten Garderobe eines Striplokals sitzen z.B. die barbusigen Schönen unbeweglich puppengleich, während ihr schmieriger Chef sich am Boden windet, weil ihm der wild gewordene Fahrer mit einem Hammer die Hand zertrümmert hat. In einer weiteren Schlüsselszene (so genannt, weil sie uns die Augen aufsperren lässt) teilen sich der Driver und eine Frau, die er liebt, den Lift mit einem Mafiakiller, der ihnen spätestens beim nächsten Halt ziemlich übel mitspielen wird – doch ehe es zur unweigerlichen Gewaltexplosion kommt, tritt das Paar, den sicheren Tod vor Augen, gleichsam aus der Zeit heraus und erlebt in einer Ecke des Aufzugs höchst romantische Momente. Gerade diese Mischung der Stillagen ergibt den eigentümlichen Reiz des Films.

Eigentlich ähnelt die Hauptfigur dem namenlosen Fremden aus klassischen Western (bloß stehen ihr wesentlich mehr Pferdestärken zur Verfügung als einem Cowboy), der eines Tages mit unbekannter Vergangenheit in der Stadt auftaucht und einige gefährliche Abenteuer sowie Leichen später mit ebenso ungewissem Ziel wieder weiterzieht. Diesem Driver verleiht Ray Golsing das Aussehen der Sanftmut in Person und es ist zu vermuten, dass selbst ein Bauchstich das hintergründige Lächeln aus seinem Gesicht nicht zum Verschwinden bringt; doch sobald er wirklich böse wird, sollte man ihm besser nicht in die Quere kommen; und zugleich zeigt er sich als bedingungsloser Liebhaber, der sofort breit ist, sein Leben für die eher zurückhaltend verehrte Frau ( Carey Mulligan) zu riskieren.

Was wäre diese Filmwelt ohne richtigen Bösewicht? „Drive“ hat gleich zwei Prachtexemplare von dieser Sorte aufzuweisen: einmal Ron Perlman als skrupelloser aber leider ziemlich dummer mafianaher Italiener, während sein brutaler Geschäftspartner (Albert Brooks) viel cleverer ist, bei Problemlösungen bevorzugt zum Messer greift und seine liebsten Stichwaffen in einer Schatulle auf Samt bettet. Dank solcher Marotten können die beiden ihren Rollen durchaus auch komische Seiten abgewinnen.

Eine amüsante Anmerkung am Rande: Refn selbst Besitz keinen Führerschein, weil er die Fahrprüfung 8 Mal nicht bestanden hat, was mich nicht daran hindert, seinem Film eine beinahe perfekte Punktezahl von 9,5 PS zu verleihen.