Filmkritiken
05.12.2012

EIN LEBEN AUF DER BÜHNE

Sobald wir die Wahl zwischen rund 1000 engbedruckten Buchseiten und 130 Filmminuten hätten, würde in unseren eiligen Zeiten wohl die Literatur den Kürzeren ziehen, selbst wenn es sich dabei um einen Autor von Weltrang wie Leo Tolstoi handelt. Ganz literarisch unbeleckt bleiben wir aber dennoch nicht, denn immerhin kann die ca. 25. Verfilmung dieses zeitlosen Liebesdramas den berühmten britischen Dramatiker Tom Stoppard als Drehbuchautor vorweisen. Der legte besonderen Wert darauf, die vielen komplex miteinander verwobenen Erzählstränge der Romanvorlage beizubehalten und rückte neben Anna ( Keira Knightley) auch die Figur des sensiblen Gutsbesitzers Levin (Domhnall Gleeson) in den Mittelpunkt. Dadurch unterscheidet sich seine Version von so gut wie allen früheren Verfilmungen, die sich ausschließlich auf Anna Karenina als große tragische Heldin konzentrierten.

Nach „Stolz und Vorurteil“ und „Abbitte“ arbeitete Regisseur Joe Wright bereits zum dritten Mal mit Keira Knightley zusammen. Sein wirklich verblüffender Hauptbeitrag besteht in einem Verfremdungseffekt: das streng zeremoniell ablaufende Leben der gelangweilten High-Society im zaristischen Russland ist nach Wrights Idee so abgehoben vom Alltag der Normalsterblichen, dass es sich wie auf einer Bühne abspielt und daher erleben wir einen Großteil der Handlung tatsächlich als Theateraufführung. Selbst als Anna, die Frau eines hohen gefühlskalten St. Petersburger Regierungsbeamten (Jude Law), im jüngeren Kavallerie-Offizier Wronskij (Aaron Taylor-Johnson) ihre wahre Liebe findet, lassen wir die Bühne nicht hinter uns, denn die Geschichte der weiblichen Hauptfigur spielt sich – abgesehen von ein paar kurzen Szenen der überschwänglichen Lebensfreude - zur Gänze in dieser theatralischen Scheinwelt mit ihren puppenhaften Charakteren und erstarrten Existenzen ab. Gelegentlich öffnen sich aber phantastischerweise auch auf der Bühne Türen zu anderen Orten wie Eislaufplätzen, Ballsälen, Bahnsteigen oder sogar Rennbahnen. Erst in der Parallelhandlung von Levins vorerst verschmähter Liebe betreten wir tatsächlich die ‚reale Welt‘.

Zum Glück sind bei diesem Projekt die Schauspieler allesamt großartig, denn sonst wäre die Gefahr übermächtig, dass sich die Handlung im gekünstelt-schönen Schein verliert. So wirkt Wrights ungewöhnliches Konzept zwar mitunter etwas aufdringlich, veranschaulicht andererseits aber bildgewaltig die gesellschaftlichen Zwänge dieser lange untergegangenen Epoche. Besonders schön macht das die Schlussszene deutlich, bei der wir glauben könnten, Annas Ehermann habe durch den Tod seiner Frau endlich den Weg nach außen gefunden - doch dann erweist sich die riesige Blumenwiese auf der die Kinder herumtollen erneut als Staffage vor einem Theaterhimmel.