Filmkritiken
11.07.2012

EIN LEBEN DURCH DIE ALLEN-BRILLE BETRACHTET

Verkneifen wir uns die Anspielung auf einen vielzitierten und vor allem -variierten Allen-Titel oder absolvieren wir sie wenigstens nur in Kurzform, indem wir feststellen: Regisseur Robert Weide hat zu fragen gewagt und überraschenderweise vom Objekt seiner biografischen Neugierde überaus viele Antworten erhalten. Das erscheint beim öffentlichkeitsscheuen Woody Allen ähnlich überraschend, wie ein gesprächiger Bob Dylan, den Martin Scorsese vor einigen Jahren zum Losplaudern brachte.

Weide durfte Allen in einem Zeitraum von 1 ½ Jahren mit der Kamera begleiten. Das wirkliche Privatleben des Stars ist nach wie vor tabu, aber immerhin bekommen wir manche unbekannten Details zur Arbeitsweise des Künstlers zu sehen, wie etwa die morgendlichen Notizen im Bett oder das Abtippen der handschriftlichen Texte auf einer uralten deutschen Schreibmaschine. Allen führt uns auch an die Orte seiner Kindheit im Brooklyner Stadtteil Midwood: Er steht dort vor seinem Geburtshaus oder sucht gleich ums Eck den Kinopalast, in dem er erste Filmeindrücke sammeln konnte; der ist inzwischen aber einer Augenklinik gewichen, was angesichts des berühmten Brillenträgers vielleicht sogar einen tieferen Sinn offenbart. Wer sich gerne mit solchen metaphysischen Fragen herumschlägt, ist gut mit den Wortmeldungen des Priesters und Philosophieprofessors Robert Lauder beraten, der in Allen eine Art Camus im Komiker-Format sieht.

Denn selbstverständlich hat der Titelheld dieser Doku nicht pausenlose Redefreiheit, sondern es kommen auch Verwandte, Freunde, Weggefährten und Mitarbeiter ausführlich zu Wort. Mindestens die Hälfte der 113 minütigen Kinofassung (es existiert nämlich auch eine über 3stündige Langversion) speist sich zudem aus Filmausschnitten und anfangs will es scheinen, als bestünde das Konzept darin, sich einfach streng chronologisch von Werk zu Werk weiterzuhangeln. Dieses Vorgehen besitzt seine Berechtigung, um den enormen Unterschied zwischen Allens slapstikdominierten Frühwerken und einem Film wie „Annie Hall“ aufzuzeigen. Spätestens ab den Filmen der 80er Jahre klaffen dann aber große Lücken und es kommt immer wieder zu Zeitsprüngen. Hier Vollständigkeit anzustreben wäre auch fast unmöglich und so ist es viel sinnvoller, wenn uns Weide seine exklusiven Aufnahmen vom Set zu „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ präsentiert, in denen wir Allen erstmals ausführlicher bei der Arbeit als Regisseur zusehen dürfen und erleben, wie er mit den Darstellern interagiert.

Natürlich gibt es bei dieser „Documentary“ in ihrer vorliegenden Form genügend Einbußen. Abgesehen von kurzen Hinweisen klammert Weide - zumindest in der Schnittfassung - die weiteren Aktivitäten des Multitalentes als Theaterautor, Jazzklarinettist oder Essayist völlig aus. Prägende Einflüsse bleiben gleichfalls unerwähnt: so wird etwa auf die besondere Nähe zu Groucho Marx, den Allen in seinen ersten Werken immer wieder herbeizitierte, mit keinem Wort hingewiesen. Es wäre auch wünschenswert gewesen, dass Komiker-Kollegen wie Jerry Lewis oder - abgesehen von Scorsese - gewichtige andere Regisseure zu Wort kommen; und im Interesse einer dokumentarischen Ausgewogenheit hätte die Reihe der begeisterten Kommentare durchaus die eine oder andere kritischere Stimme vertragen. (Mia Farrow beispielsweise stand für keine Interviews zur Verfügung.)

Immerhin sind dem Genie Selbstzweifel nicht fremd: nach Fertigstellung von „Manhattan“ hielt Allen den Film für misslungen und hat trotz aller Erfolge noch immer das Gefühl, dass ihm vom Schicksal etwas vorenthalten wird. Hauptsache diese kleinen Schwächen hindern ihn nicht daran, uns weiterhin jährlich mit einem neuen Film zu überraschen. Für diese alles in allem doch etwas bieder ausgefallene Doku gehen sich 7 von 10 möglichen Allen-Brillen aus (und als gratis Draufgabe noch ein Groucho Marx-Schnurrbart).