Filmkritiken
01/27/2015

EIN MANN MIT SEINEM GANZ PRIVATEN VOGEL

Dieser Mann muss etwas ganz Besonderes sein: wenn wir ihn das erste Mal zu Gesicht bekommen, kehrt er uns den Rücken zu und sitzt inmitten eines schäbigen Zimmers meditierend da; nein – halt: er SCHWEBT meditierend vor uns. Wer so etwas fertig bringt, ist entweder ein richtiger Supermann oder kann zumindest auf eine Karriere als Superheld zurückblicken. Genau das trifft auf den Schauspieler Riggan Thomson zu: er ist eine Ikone des Blockbuster-Kinos und durch die Filmfigur des ‚Birdman‘ einst weltberühmt geworden. Vor 20 Jahren hat er das Kostüm jedoch an den Nagel gehängt und versucht nach dieser langen Zwischenzeit nun ein Comeback als erstzunehmender Darsteller und Regisseur auf einer Broadway-Bühne.

Gerade die wenigen Tage vor der Premiere des Stücks gestalten sich für Thomson besonders desaströs, denn privat und beruflich legen sich ihm überall Stolpersteine in den Weg. So fällt ein Hauptdarsteller aus (weil ihm etwas aufs Haupt fällt) und wird durch einen unberechenbaren Typen ( Edward Norton) ersetzt; obendrein hat Thomson Probleme mit seiner frisch aus der Entzugsklinik entlassenen Tochter (Emma Stone), muss sich mit einer Freundin und seiner Ex-Frau auseinandersetzen, und die wichtigste Theaterkritikerin stellt ihm bereits vor der Premiere einen gewaltigen Verriss in Aussicht, weil sie für alles, was er als Schauspieler repräsentiert, nur Verachtung empfindet.

Seine Hollywood-Vergangenheit hat Riggan aber zumindest rein mental nicht hinter sich gelassen, denn die Gestalt des Birdman ist zu seinem aufgeplusterten Alter Ego geworden: ständig spricht der imaginäre Held mit sonorer Stimme zu ihm, putzt ihn herunter, redet ihm ins Gewissen oder putscht ihn mit Zuspruch auf. Fallweise manifestiert sich der Vogelmann auch leibhaftig, zumindest in Riggans Phantasie – und der sind keine Grenzen gesetzt. Das anfangs erwähnte Schweben ist da noch gar nichts: durch einen Fingerzeig kann er Fernsehgeräte ausschalten, Gegenstände sanft bewegen oder mit voller Wucht gegen die Wand schleudern; und womöglich gelingt es ihm auch, die Schwerkraft des profanen Lebens hinter sich lassen, um tatsächlich einmal frei wie ein Vogel in die Lüfte zu entschweben.

Diesem Mann ist alles zuzutrauen! Ebenso wie seinem Darsteller Michael Keaton, dessen persönlicher ‚Birdman‘ vor zwei Jahrzehnten eigentlich ‚Batman‘ geheißen hat. Um ihn ist es in den letzten Jahren ziemlich still geworden, doch nun beschert ihm dieses unglaublich ambitionierte Projekt von Alejandro G. Iñárritu ein sensationelles Comeback: hier kann er wirklich zeigen, was in ihm steckt. Die Drehabreiten stellten zudem eine ganz spezielle Herausforderung an Präzisions-Arbeit dar, denn der Regisseur wollte den Anschein erwecken, der ganze Film bestehe aus einer einzigen langen Einstellung; nur gegen Ende gibt es ein paar „offizielle“ Schnitten, während wir von den vorhergehenden dank trickreich-geschickter Inszenierung nichts mitbekommen.

Gedreht wurde nicht nur auf der Bühne eines echten Broadway-Theaters statt, sondern auch backstage in den Garderoben und labyrinthischen Korridoren, und einige aufregende Szenen führen uns sogar in die bei Tag und Nacht gleichermaßen pulsierenden Straßen New Yorks. So erleben wir die fieberhafte Hektik der gestressten Schauspieler und ihre rapiden Stimmungswechsel gleichsam hautnah mit. Selten zuvor wurde die Psyche eines Künstlers, in der Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexe nahe beisammen liegen, dermaßen anschaulich nach außen gestülpt. 10 von 10 vergoldete – wenn auch etwas zerzauste –Vogelfedern.